Immer wieder werde ich nervös, aber auch ein wenig traurig, wenn ich Menschen beobachte, die z.B. ewig brauchen, bis sie ein ganz einfaches Formular ausgefüllt haben oder ihren Namen und Adresse aufschreiben sollen.
Ich bin in diesem Momenten immer sehr dankbar, dass mir meine Eltern eine gute Schulausbildung ermöglicht haben und erinnere mich deutlich an die Ermahnungen meiner Mutter schon in Volksschulzeiten, nicht nur richtig, sondern auch schön zu schreiben. Außerdem hatte ich immer ein Faible für schöne Schriften und bewundere seit jeher insbesondere elgegante Handschriften. Wie oft saß ich als Kind zu Hause und übte mich im Schönschreiben, besonders faszinierte mich damals die Kurrentschrift und die wie gestochen geschriebenen Hefte und Tagebücher meiner Großmutter waren mir Vorbild, dem ich nachzueifern versuchte. Ich übte leidenschaftlich.
Umso größer der Schock, was ich seit geraumer Zeit bei mir selbst feststelle, jedoch eine Zeit lang immer wieder halbwegs erfolgreich verdrängen konnte, zumindest bis jetzt:
Ich habe das Schreiben verlernt.
Etwas genauer: Ich meine nicht das Tippen von Texten auf mechanischen oder elektronischen Geräten, ich bin so gut wie nicht (mehr) imstande, einen einfachen Text (eine Zeile Notiz oder gar ein Gedicht o.Ä.) mit der Hand zu schreiben! Abgesehen von jedweden kalligrafischen Ansprüchen, es gelingt mir nicht einmal mehr, etwas so aufzuschreiben, dass ich es auch nur Stunden später noch lesen kann. Und noch viel schlimmer: Ich bemerkte nämlich, wie mir das Schreiben mit Bleistift oder Kugelschreiber zunehmend Mühe machte, mich regelrecht physisch anstrengte und ich es daher immer mehr zu vermeiden suchte.
Die Ursachenforschung war einfach, hier nur in Stichworten: Das Durchlaufen und doch auch Beherrschen der jeweiligen technischen Errungenschaften, von der sehnenscheidenentzündungsfördernden mechanischen Schreibmaschine zu einer mit Kugelkopf, hin zur elektrischen Schreimaschine und endlich zum wunderbaren Psion (in eleganter Holzausführung!) – ich hatte immer das Neueste und daher den Eindruck, immer nahe am Puls der Zeit zu leben. Das machte mich sehr zufrieden, gab mir sogar ein gewisses Überlegenheitsgefühl. Ich belächelte jene, die “noch immer” ihre Notizen auf einen Zettel schrieben, ihren Kalender im guten alten Filofax verwalteten (übrigens eine Errungenschaft, die ich komplett übersprungen bin; alle im Laufe der Jahre geschenkten Filofaxe sind bis zum heutigen Tag nicht einmal ihrer Cellophanhülle entledigt).
Schon beim Studium hab ich nie mit der Hand mitgeschrieben, das Schreiben also begonnen sukzessive zu verlernen, habe mir lange Zeit mit (damals noch) Maschineschreiben mein Studium finanziert, später und bis heute fiel und fällt die Entscheidung immer auf Handys mit Tastatur und schon sehr früh habe ich mir angewöhnt, auch Exzerpte etc. nicht auf einem Zettel, sondern immer gleich am PC oder am Handy zu schreiben. Ob mit Textverarbeitungsprogramm, Editor oder, in praxi, meist gleich online.
Hat ja bekanntlich auch viele Vorteile: Ich tippe sehr schnell, blind und natürlich im Zehnfingersystem, Zettel kann man leicht verlieren, Maschinschrift ist immer deutlich zu lesen, Korrekturen sind simpel usw., das muss nicht weiter ausgeführt werden.
Etwa 30 Jahre zogen ins Land, ich träumte vom papierlosen Büro und ortete keine Probleme.
Aber es gibt sie: Als ich dieser Tage in einem Geschäft meinen Namen und meine Adresse aufschreiben sollte (wegen der hundertXten Kundenkarte) und die freundliche Verkäuferin mir Formular und Stift reichte, spürte ich erst einen Widerstand, schrieb aber dann, da kaum ein weniger peinlicher Ausweg in Sicht, sehr bemüht und genierte mich danach ziemlich. Die Schrift war hässlich, nahezu unästhetisch und eigentlich eine Zumutung. Es reichte.
Und ich beschloss umgehend an meinem mittlerweile veritablen Problem zu arbeiten. Ich werde also wieder beginnen mit der Hand zu schreiben!
Noch keine Ahnung was, aber es wird mir schon etwas einfallen: Gedanken, Gedichte, Notizen?
Worauf? Ein simpler Block oder ein Notizheft schienen mir irgendwie zu primitiv für mein subjektiv empfunden großes Vorhaben, instinktiv spürte ich, dass ein Neuanfang nur mit entsprechend großer Lust am Schreiben zu bewältigen wäre und nahm mir daher Zeit, ein geeignetes Objekt zu suchen. Ich hatte keine konkreten Vorstellungen, ließ mich überraschen und pilgerte in die nächste Papierhandlung.
Eine neue Erfahrung, obwohl ich Papiergeschäfte eigentlich sehr liebe: diese Mischung von Erinnerungen an die ersten Schultage, als die Welt noch heil war oder zumindest schien, das Natürliche und Erdige der Hefte und Blöcke, der angenehme, fast anheimelnde Geruch der Farben, die oft so liebevoll angeordneten dezent-bunten Arrangements der Schreibutensilien.
Ich suchte also ein Büchlein. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wann ich das letzte Mal in einer Papierhandlung war, um nicht nur zu riechen und optisch zu genießen, sondern auch zu kaufen. Die Moleskine-Notizbücher, von denen es eine riesige Auswahl gab, fand ich jedenfalls zu gewöhnlich. Dann fand ich mein Büchlein.
Mein Büchlein ist sehr klein und sehr hübsch und ich kann es immer leicht mitnehmen, ein Lesezeichen mit Pfiff sowie ein Magnetverschluss (!) vermitteln fast den Hauch von Hi Tech ;-) Außerdem gibt es auf der Innenseite des hinteren Deckblatts eine schön gearbeitete Lasche, wozu auch immer.
Wahrscheinlich wäre es intelligenter gewesen, ein Heft mit Zeilen zu kaufen, aber das hätte die Ästhetik dieses kleinen Wunderdings zu sehr gestört. Irgendwie wird das schon klappen, hoffe ich …
Als ich dann – mehr zum Test und um einen Anfang zu setzen -, mit einem ordinären blauen Kugelschreiber meinen ersten Eintrag gemacht hatte, beschämte mich das Ergebnis. Die erste Seite des hübschen Büchleins war sogleich verschandelt, wie schade.
Obwohl ich es selbst nicht wirklich glaubte, gab ich dem Kugelschreiber die Schuld und fuhr flugs nochmals ins Geschäft, um mir einen Stift zu kaufen (obwohl ich vermutlich irgendwo Hundertschaften davon herumliegen haben). Und wurde wieder fündig, ein Glückstag!
Feder und Tinte hatte ich tatsächlich kurz überlegt, schienen mir dann aber für mein Vorhaben viel zu kompliziert, hätten mich auch sicher überfordert. Die Entscheidung fiel schließlich auf ein deutsches Produkt, einen sehr weichen Kugelschreiber mit “Viscoglide-Technology”. Auch der Name des Stifts klingt ein wenig technisch “Slider XB” – vielleicht fast schon zu viel für mein technikfreies Unternehmen ;-)
Das alles ist einige Tage her … es gibt noch immer keinen zweiten Eintrag. Weil ich mich nämlich nicht zwischen dem Hi-tech-Stift (um EUR 1.35) in Schwarz und jenem in Orange (sowohl Stift als auch Schrift) entscheiden konnte und beide kaufte. Und nun schon den 4. Tag überlege, mit welcher Farbe ich mein hübsches Büchlein zu füllen versuche …





am 22. September 2011 um 20:53 Uhr:
Hallo Johannes,
du schreibst mir aus der Seele. Ja, auch meine Handschrift verdient inzwischen den Namen nicht mehr. Die Idee mit dem Büchlein ist genial. Ich werde drüber nachdenken, ob auch ich einen entsprechenden Vorsatz fassen sollte … womit das Projekt eigentlich schon wieder zum Scheitern verurteilt ist.
Vielleicht kaufe ich mir ja sogar noch einen richtigen Füllfederhalter zu dem Büchlein. Vielleicht … vielleicht auch nicht … wahrscheinlich doch nicht …
In Deutschland gibt es inzwischen sogar die Tendenz, die Schreibschrift als Schulfach abzuschaffen. Und da sollte ich alter Knabe mich nochmal aufrappeln?
Sollten wir uns tatsächlich noch einmal treffen (meine Einladung steht!): nimm bitte dein Büchlein mit.
LG Fritz
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Johannes schreibt am 24. September 2011 um 11:50
Lieber Fritz,
das freut mich natürlich sehr, wenn ich dich ein bisschen motivieren kann, dir auch ein solches Büchlein zuzulegen. Mir macht es jedenfalls wirklich sehr große Freude, wenngleich ich derzeit noch keine großen Fortschritte in Sachen Kalligrafie erkennen kann ;-) Aber 30 Jahre Schreiben-Verlernen kann auch nicht in wenigen Tagen korrigiert werden, da muss ich mich wohl in Geduld üben und dranbleiben …
Musste erst gestern ein Formular ausfüllen und die Buchstaben waren dann wieder viel zu groß, ging sich dann in der vorgesehenen Zeile auch nicht aus und sah schließlich echt zum Weinen aus, zum Genieren :-(
Dass ich das Büchlein immer mithab, versteht sich von selbst, hoffe, es dir bald einmal zeigen zu können!
herzlichst, Johannes
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am 29. September 2011 um 11:18 Uhr:
ein sehr schöner “Kommentar” zur versunkenen Handschrift, es geht uns allen ein bisschen so, vor allem der erschreckende Gedanke mit dem Blick auf das von Hand Geleistete “Das ist ja schon fast unästhetisch” – dabei bin ich gar nicht so sehr von technischen MIniPC´s etc beeindruckt worden, noch habe ich sie mir alle gleich geleistet. Trotzdem “schmiere” ich mehr als ich das schreiben nennen kann – wenn es im Alltag passiert oder vielmehr passieren muss. Die Idee mit dem Büchlein hat mich nicht nur schon bald begleitet, ich dachte auch immer Gedanken in ein solches Schreib-Buch abladen zu müssen. Dann kamen die moleskine- Kalender in Mode und damit auch dem entsprechend gestaltete Schreib-Büchlein. Übrigens gibt es sie auch mit Linien, die das Äthetische gar nicht stören, nur die “karierten” sind nicht ansehnlich genug, finde ich…. dann aber ist das Problem der eigenen Schrift, die nicht Klaue sein soll noch nicht ganz erledigt. Es ist auch der Schreibstift ein paar Gedanken wert – und das hat sehr viel mit Zeit und Geschwindigkeit zu tun. Meine ästhetischen Ansprüche lassen dann ja doch nur Füller zu, aber die sind mit geschwindem und vorbereitungslose, Zur- Hand- Sein einfach nicht kompatibel … beste Lösungen hab ich noch keine und der gute alte Bleistift ist mir dann zu blass, braucht einen Spitzer in seiner Nähe …. ja da habe ich noch nicht genau zu Ende gedacht :-)
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am 1. Oktober 2011 um 23:30 Uhr:
Hallo Johannes,
manche hatten nie eine schöne Handschrift und stattdessen so gut wie vom Start weg eine “Doktorschrift” die im Laufe der Schulzeit nur schlimmer wurde. Selbst die Druckschrift degenerierte zu “harten Nüssen” für die Lehrerschaft, insbesondere des Faches Deutsch beim Durchackern von mehreren Seiten Text, wo zur Krönung dann in einer Prüfung mal ganze Absätze herausgestrichen wurden mit der Begründung, dass jenes Geschreibsel einfach viel zu viel Zeit zum Decheffrieren in Anspruch nehmen würde ;-). Eine lesbare Schrift wäre hier also schon genug der positiven Entwicklung gewesen. Mittlerweile hab ich es jedoch aufgegeben und die starke Fokusierung auf Maschinenschreiben aller Art im beruflichen wie privaten Umfeld wäre diesem Unterfangen ohnehin nicht sehr zuträglich gewesen. Einen grossen Vorteil hat es jedoch, dass die Weitergabe von Geschriebenem heutzutage viel via Tastatur erfolgt (zumindest für “Doktoren” wie mich) – keinerlei Gängelung des Gegenübers mehr mit schwer entschlüsselbarem Textgut und folglich auch keine unnötige Frustration.
Wünsche Dir natürlich, dass Dein guter Vorsatz von Erfolg gekrönt ist.
LG
Werther
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am 20. Oktober 2011 um 15:48 Uhr:
Hallo Johannes,
Auch von mir noch eine Anmerkung, wenn auch ein wenig spät und etwas zögerlich, denn zum Thema Handschrift, dachte ich zumindest, kann ich wenig sagen.
Ganz stimmt das nicht: Auch wenn ich keine schwarzen, blauen oder orangefarbenen Zeichen aufs Papier male, ich schreibe dennoch von Hand – in 6 Punkten und mit einem vorsintflutlichen Werkzeug, meiner Brailleschrift-Tafel. Sie hat noch lange nicht ausgedient, trotz moderner Technik in Form meines Organizers pronto und meines Minicomputers mit Touch Screen: das iPhone.
Wenn ich einen Vortrag vorbereite, tippe ich das Konzept natürlich in den PC. Wenn ich aber dann vorne stehe, dann habe ich meist kleine handgeschriebene Notizzettel. Allein deren Vorhandensein gibt mir schon die Sicherheit, nichts Wichtiges zu vergessen – und ich bleibe beim Anfertigen derselben in Übung.
Ich denke, du bekommst deine Fertigkeit schnell zurück, wenn du – vorläufig vielleicht nicht unbedingt in deinem schönen Büchlein -, jede Gelegenheit nutzt, dir Notizzettel zu schreiben, die du dann nach Abarbeitung getrost entsorgen kannst. Das gibt zudem das Gefühl, wieder etwas erledigt zu haben.
Und – ganz ehrlich: Die wunderschönen hebräischen Schriftzeichen sind doch wie geeignet zum Üben oder nicht?
Herzlichst Eva
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Johannes schreibt am 29. Oktober 2011 um 16:56
Hallo Eva, deine Brailleschrift-Tafel ist in der Tat ein sehr gutes Analogon!
Zu den Notizzetteltchen: Dachte ich erst auch, sie schienen mir aber dann fürs erste und für einen radikalen Neuanfang zu belastet zu sein. Denn zu viele Versuche sind damit schon misslungen und immer wieder find ich in irgendwelchen alten Taschen Unmengen von solchen Zetteln und komm mir beim Vesuch etwas zu entziffern wie ein Analphabet vor ;-)
Na ja, und mit Hebräisch hast du im Prinzip schon recht und als hättest du es geahnt: ursprünglich stand oben “Ich tippe sehr schnell – ob Deutsch oder Hebräisch (weil ich das auch blind im Zehnfingersystem schreiben kann)”, hab ich dann aber gelöscht … und die Wahrheit ist, dass ich auch eine schrecklich peinliche hebräische Handschrift habe, was ich vor allem immer dann bemerke, wenn ich in Kursen an die Tafel schreibe. Aber richtig ist, dass ich in mein Büchlein, das mittlerweile doch einige wenige beschriebene Seiten hat, tatsächlich auch immer wieder hebräische Einträge mache ;-)
herzlichst, johannes
PS: Hab mir erlaubt, dein tolles Blog oben bei deinem Namen zu verlinken …
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