Sonderausstellung zum 100. Todestag von Gustav Mahler (1860 – 1911) – so lockt die Werbung ins Komponierhäuschen Mahlers am Wörthersee vom 1. Mai bis 31. Oktober 2011.
Und gleich vorweg: Was immer BesucherInnen von heutigen, mit zeitgemäßen museumsdikatischen Mitteln umgesetzten und modernster Präsentationstechnik ausgestatteten Sonder- und Schwerpunktausstellungen erwarten, die Ausstellung im Komponierhäuschen Mahlers erfüllt glücklicherweise (!) keine einzige dieser Erwartungen! Im Gegenteil: Vom Parkplatz in Maiernigg gelange ich in knapp 10 Minuten zu Fuß (Autofahren verboten) über einen ma(h)lerischen, relativ steil bergan laufenden Weg durch einen dichten und satten Mischwald zum Komponierhäuschen.
Und noch vor dem Betreten des Häuschens bin ich vollkommen gefangen von der unendlichen Schönheit und Stille dieses Ortes und ich verstehe ganz Mahlers Ausspruch, den ich auch für den Titel dieses Beitrags lieh:
… da wurde mir wieder weit ums Herz, …
Den Eintrittspreis, der so gering ist, dass er eher als symbolisch zu bezeichnen ist, kassiert ein ausgesprochen freundlicher Herr, der auch sogleich anbietet, Musik von Mahler einzuschalten, was ich jedoch ebenso freundlich ablehne. Hier würde nur Mahler selbst am Klavier dem Ort gerecht werden können und die Musik Mahlers ist hier gewissermaßen ohnehin zu hören, auch ohne Stereoanlage. Der Herr weist mich auch eindrücklich auf die Sonderausstellung hin, oder genau genommen, auf das mehr oder weniger einzige Objekt dieser Sonderausstellung: die von Anton Sandig 1911 in Gips abgenommene Totenmaske Mahlers, die sich sonst im Wienmuseum befindet. Anton Sandig, so wurde mir erklärt, war ein Architekt.
Und tatsächlich: durch das Fenster hinter der in einer einfachen Vitrine eindrucksvoll präsentierten Totenmaske schimmert das blaue Wasser des Wörthersees, den Mahler intensiv als Schwimmer (das war lange vor der Zeit des Ironman Klagenfurt ;), kaum jemand ging damals schwimmen) und im Boot nützte.
Alfred Roller – als Maler und Bühnenbildner Mitarbeiter und Mitreformer an der Hofoper – erinnerte sich daran:
Sein Bad begann gewöhnlich mit einem mächtigen Kopfsprung. Dann schwamm er lange unter dem Wasser und weit draußen im See kam er erst wieder zum Vorschein, sich behaglich wälzend wie eine Robbe. Mit Mahler gemeinsam zu rudern, war kein Vergnügen. Er hatte einen sehr kräftigen Streich und einen viel zu schnellen Schlag. Aber seine Kraft befähigte ihn, diese Anstrengungen auszuhalten. [1].
Die Fahrt über den See inspirierte den während der Arbeit an seiner Siebten Sinfonie verzweifelt um Ideen ringenden Komponisten im Sommer 1905.
“Beim ersten Ruderschlag fiel mir das Thema (oder mehr der Rhythmus und die Art) der Einleitung zum 1. Satze ein …”
schrieb Mahler an seine Frau Alma [2].
Obwohl ich mich in dem kleinen Raum länger und (natürlich zufällig) alleine aufhalten darf, betreten die nächsten BesucherInnen, die mit ihren Mountainbikes ankommen, das Haus erst, als ich es bereits verlasse. Eine Zeit lang grüble ich noch, wie der freundliche Herr, der sich übrigens über Mahler bestinformiert zeigte, das Problem lösen würde, wenn mehrere Gäste den Raum betreten und verschiedene Musikwünsche äußern würden? – ein jeweils individuelles “Best Of” Mahlers? ;)
Ich bin weder Musikwissenschaftler noch ein besonderer Musik- oder gar Mahlerkenner, aber ich freue mich, dass die Zeit hier stehengeblieben zu sein schien. Und ich kann nach dem Besuch dieses faszinierenden Ensembles Mahler und seine Musik vielleicht doch ein klein wenig besser verstehen … Sonderausstellung hin und Totenmaske her, das Komponierhäuschen ist für mich ein Pflichtbesuch auch beim nächsten Kärntenaufenthalt.
Der Entschluss Mahlers, sich am Wörthersee (in Maiernigg) eine Sommerresidenz zu bauen, hängt mit der Entstehungsgeschichte seiner IV. Symphonie zusammen. Mahler sah die Ausführung der Symphonie gefährdet, deren erste musikalische Gedanken zwar vorlagen, der dichte Terminplan aber keinerlei Ausarbeitung zuließ. Mahler befürchtete sogar, dass seine künstlerische Schaffenskraft zum Erliegen gekommen war und sehnte sich mehr denn je nach Refugium in der Stille der Natur. Während er seine direkt am See gelegene Villa bewohnte, nutzte er das Komponierhäuschen ausschließlich für ungestörtes Arbeiten. Zum Komponieren brauchte er Stille und unmittelbaren Kontakt mit der Natur. 1899 wurde der Kaufvertrag über das Seegrundstück geschlossen, im Sommer 1900 war das Häuschen im Wald fertig. (Es war dies das 2. Häuschen nach jenem am Attersee. Das 3. und letzte Komponierhäuschen ließ Mahler für die Sommermonate 1908 bis 1910 in Toblach in Südtirol bauen). Mahler selbst nannte das Häuschen sein “Study” und sich selbst in einem Gespräch mit Richard Strauss einen Sommerkomponisten [3]..
Tatsache ist, dass Mahler in den Kärntner Jahren ein Riesenpensum schaffte.
Vier Sinfonien und bedeutende Liederzyklen wie die Kindertotenlieder entstanden in der “splendid isolation” [4]..
Der Wunsch nach Ruhe zum Komponieren nahm nahezu eigentümliche Ausmaße an. So berichtet seine Frau Alma:
Mahlers Lebensweise war in den ganzen sechs Jahren die gleiche. Er stand im Sommer jeden Tag um sechs, halb sieben Uhr auf. Im Moment, wo er erwachte, läutete er nach der Köchin, die sofort das Frühstück fertigstellte und es auf glattem, steilem Weg in sein Arbeitshaus hinauftrug. Dieses lag mitten im Wald, etwa sechzig Meter höher als die Villa (am See, Anm.) die Köchin durfte den regulären Weg nicht gehen, weil er ihren und überhaupt niemandes Anblick vor der Arbeit ertragen konnte, und so musste sie jeden Morgen einen schlüpfrigen Kletterweg mit allem Geschirr hinaufsteigen. Das Frühstück bestand aus frischem Kaffee, Butter, Grahambrot und Jam … Das Haus selbst war nichts als ein großes gemauertes Zimmer mit drei Fenstern und der Eingangstür. Ich fühlte, dass dieses Haus ihm nicht gesund war, weil es zu tief im Walde steckte und nicht unterkellert war. Ich konnte aber nichts tun, um ihn an diesem Aufenthalt zu hindern, da er ihn so liebte.
Im Zimmer stand ein Flügel und auf den Regalen ein vollständiger Goethe und Kant. Außerdem an Noten nur Bach [5]..
Wie sehr die geniale Fantastin Alma die Buchausgaben wirklich sah oder nur sehen wollte, entzieht sich unserer Kenntnis, ist aber auch völlig unerheblich. Ein Kollege aus Mahlers Zeit als Kapellmeister in Laibach, der den berühmten Hofoperndirektor in seiner Komponiereinschicht besuchte, sah jedenfalls nichts von Noten und Büchern, nur eine knapp auf das Notwendige beschränkte Einrichtung, Tisch, Sessel, Kanapee für kurze Rast [6]..
1904 vollendete Mahler seine VI. Symphonie in Maiernigg, seine Frau Alma war mit ihren zwei Kindern zu ihm nach Kärnten gezogen und zu den 1900 geschriebenen Kindertotenliedern 1, 3 und 4 fügte er nun noch das 2. und 5. dazu. Alma erschrak:
Ich habe damals sofort gesagt: Um Gottes willen, du malst den Teufel an die Wand! [7].
1907 brachte den schrecklichen Absturz, die Lebenswende: im Frühjahr trat Mahler – nach Intrigen gegen ihn (u.a. eine Pressekampagne mit antisemitischen Untertönen) – als Hofoperndirektor zurück, seine ältere Tochter Marie Anna starb nach schwerem Leiden mit viereinhalb Jahren am 12. Juli an Scharlach mit diphterieartigen Symptomen. Mahler selbst wurde ein Herzleiden diagnostiziert. Er “flüchtete” Hals über Kopf erst nach Wien und reiste dann nach Amerika; an den Wörthersee kehrte er, soweit bekannt, nie mehr zurück.
Marie Anna wurde am folgenden Tag am nahegelegenen Friedhof Keutschach begraben und später auf den Friedhof Wien Grinzing überführt.
Der kleine Ort Keutschach hat zwei Friedhöfe, einen rund um die Kirche und einen neuen Friedhof etwas unterhalb an der Straße.
Während wir auf dem aufgelassenen Friedhof der Pfarrkirche hochinteressante und gar bemerkenswerte frühmittelalterliche Grabplatten finden, konnte ich auf beiden Friedhöfen trotz intensiver Suche keine Spuren von Marie Mahler entdecken …,
was mich dann doch ein wenig traurig machte.
Gustav Mahler: Kindertotenlieder:
Nr. 3 “Wenn dein Mütterlein tritt zur Tür herein” und
Nr. 4 “Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen”
Thomas Quasthoff, Bariton
Mehr Informationen zum Komponierhäuschen sowie Bildimpressionen: gustav-mahler.at. Tipp: Genießen Sie auch das auf der Website eingebundene Video “Mahler in Maiernigg”.
[1] Siehe Erich Wolfgang Partsch, Gustav Mahler in Klagenfurt, Klagenfurt o.J. [Zurück zum Text (1)].
[2] Mahler Contemporary Festival, in: Die Brücke, Nur 108, Juni 10, Klagenfurt, 30 [Zurück zum Text (2)].
[3] S. Erich Wolfgang Partsch a.a.o. und Alexander Widner, Mahlers Hütte, Die Brücke, Nur 108, Juni 10, Klagenfurt, 28f [Zurück zum Text (3)].
[4] Mahler Contemporary Festival, a.a.O. [Zurück zum Text (4)].
[5] Gustav Mahler am Wörthersee. Dokumente, Berichte, Photographien zum Leben und Schaffen des Komponisten, Klagenfurt o.J., 10f [Zurück zum Text (5)].
[6] S. Alexander Widner, a.a.O. [Zurück zum Text (6)].
[7] Gustav Mahler am Wörthersee, a.a.O., 8 [Zurück zum Text (7)].





am 5. Dezember 2011 um 01:20 Uhr:
Source text – GermanMit klagender Oboenweise hebt das erste Lied „Nun will die Sonn’ so hell aufgehn“, an und führt in Stimmung und Szenerie des Zyklus ein; „langsam und wehmütig“ berichtet die Singstimme, zarte Orchesterlinien attestieren, und jede der vier Strophen zeigt sich dem Text entsprechend etwas variiert, bis der Bogen nach kurzer Aufhellung in fahles Dunkel zurücksinkt. – Das zweite Lied „Nun seh’ ich wohl, warum so dunkle Flammen“, erscheint durch intensive Seufzermelodik geprägt, die der Metapher von den sternengleichen Augen Aussagekraft verleihen, bis das Schlußbild gar zu hellem C-Dur findet. – Eindringlich lastendes Schreiten kennzeichnet sodann das dritte Lied, „Wenn dein Mütterlein tritt zur Tür herein“ (dessen Charakter oft mit einem „Totentanz“ verglichen wurde), ehe das vierte Lied, „Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen“, mit unendlich zarter Melodik ein Wiedersehen im Jenseits verspricht und das Leid gleichsam sublimiert. – Schließlich bringt das fünfte Lied, „In diesem Wetter, in diesem Braus“, noch einmal einen Aufruhr der Gefühle, eröffnet die Szenerie mit einer „Sturmmusik“, beruhigt sich dann aber und exponiert ein sphärisches Wiegenlied, nach welchem eine Horn-Kantilene den Abgesang intoniert. Das Geschehen bildet sich immer mehr zurück, die Bewegung stockt, und nach letzten knappen Linien verklingt der Zyklus in geradezu unwirklichem D-Dur.
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