Oder vielmehr: Das Drehbuch zu einem solchen ;)
Mein allmorgendlicher Fixpunkt ist eine Laufrunde mit meinen beiden pelzigen Freunden. Meist absolvieren wir diese im Wald und genießen die freundlich aufgeregten Willkommensrufe der gefiederten Waldbewohner. Die Morgen beginnen also im sonst so stillen und fast ein wenig unheimlichen Wald mit Konzerten, die schon einen Gustav Mahler fasziniert und inspiriert haben (z.B. in seiner ersten Sinfonie in D-Dur).
Nur manchmal, wenn ich zu müd bin oder Laufpause angesagt ist, fahren wir auf die nahegelegenen Felder und ziehen dort gemächlich unsere Kreise, argwöhnisch beäugt von Hasen, Rehen und Füchsen.
Und genau so begann ein zunächst unspektakulärer Tag vor wenigen Wochen. Die Pelzigen gingen – wie dort ausnahmslos immer – brav an der Leine. Schlecht geschlafen und aufkommender Föhnwind sorgten dafür, dass wir an diesem Morgen ganz besonders gemütlich unterwegs waren.
Unsere Runde läuft entlang dreier Bäche zwischen Feldern, die sich chamäleonartig verändern im Jahreszyklus. Derzeit dominieren die Sonnenblumen. Daher parken wir das Auto immer im Osten unserer streng quadratisch angelegten Runde, um als erstes wie die Sonne von den fröhlichen Gesichtern der Sonnenblumen begrüßt zu werden. Kein Asphalt, keine Autos, außer gelegentliche Jogger oder Bauern mit ihren Traktoren und Pfluggeräten nur wohltuende Ruhe und (meist) Wind …
Bis auf eine Ausnahme: Ein einziger Weg in dieser achterartigen Doppelrunde wird von Autofahrern in der Früh gern benutzt als “Abschneider”, also als Abkürzung, wenn auf der nahegelegenen Bundesstraße wieder einmal der tägliche Morgenstau frustriert. Vorweg: Es gibt sie tatsächlich, die rücksichtsvollen AutofahrerInnen, die den Sandweg vorsichtig und langsam befahren, insbesondere dann, wenn sie z.B. uns begegnen. Aber es gibt auch die anderen und ein solcher kam uns am besagten Tag auf besagtem Weg entgegen. Es war 06.30h.
Und dieser Andere verminderte sein recht hohes Tempo kaum bzw. gar nicht, wich aber immerhin einige Zentimeter nach rechts aus. Ich wiederum drückte mich und meine beiden Begleiter weiter ins Feld nach links, um entsprechenden Abstand zum Auto halten zu können. Eine riesige Staubwolke folgte seinem Auto und blieb schwer über dem Weg hängen.
Da ich mich doch wieder einmal wunderte und mich auch – zugegeben – ärgerte, schaute ich dem Auto nach und schüttelte den Kopf, eine gar nicht wirklich bewusst gesetzte Reaktion. Aber genau das war offensichtlich schon des Bösen zu viel. Denn plötzlich bremste der Autofahrer (er muss also sehr penibel seinen Rückspiegel konsultiert haben) und schob wild zurück, bis er auf unserer Höhe, sprich auf Augenhöhe mit meinen Pelzigen, angelangt war. Kurbelte das Fenster runter und begann sofort (!) zu schreien. Nein das wäre zu freundlich formuliert, er begann zu brüllen und bedachte mich mit zumindest aus seiner Sicht wenig schmeichelhaften, aber eigentlich sehr phantasievollen und recht lustigen Tiergattungsnamen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich trotz der etwas stressigen Situation in aller Herrgottsfrühe fragte, warum er ausgerechnet diese Tiere wählte … Neben ihm saß (s)eine Frau, die – und das amüsierte mich doch ein wenig – die ganze Zeit keinen Ton von sich gab, aber permanent lächelte und wie ein Wackeldackel ständig, fast roboterhaft, ihren Kopf hin und her wiegte, bloß, dass sich ihr Kopf im Unterschied zum Wackeldackel nur horizontal bewegte. Schien, als wären ihr Tonfall und Wortwahl ihres Begleiters (Ehemanns?) sehr vertraut.
Als ich eine kurze Luftholpause des Cholerikers (mir dämmerte langsam, dass das Temperament nicht der alleinige Grund für diese seine bedauernswerte Performance sein kann?) nutzte, um ihn darauf hinzuweisen, dass er bloß ein wenig rücksichtsvoller hätte fahren können, war seine ohnehin überraschend niedrige Reizschwelle offenbar endgültig überschritten. Er drohte nahezu zu explodieren, hüpfte regelrecht, wenn auch etwas schwerfällig, auf seinem Fahrersitz auf und ab, krallte sich mit der rechten Hand am Lenkrad fest (dadurch konnte er seinen behäbigen Körper besser nach rechts, nämlich zu uns, drehen – und natürlich der Dame noch lauter ins Ohr schreien) und ich konnte beobachten wie er mit der linken Hand immer wieder zum Türgriff langte und wohl überlegte, ob er nicht doch aussteigen solle. Glück (für wen eigentlich?) gehabt, denn das tat er dann doch nicht, den Grund dafür ahnte ich auch sogleich …
Doch erst kam erwartungsgemäß noch das Übliche: seine Stimme überschlug sich nahezu und er grunzte, dass er nämlich auch Bauer und Jäger sei und für diesen Feldweg zahle! Na dann ;)
Ich erklärte ihm jedenfalls, dass auf diesem Feldweg selbstverständlich jeder gehen, laufen und auch fahren darf, ein Widerspruch, der ihn aber nun final erregte. Jetzt tobte er von Neuem los, das Auto schaukelte schon gefährlich und er brüllte
Du traust dich das ja nur, weil du diese beiden ‘Kälber’ (sic!) mithast.
Also die nächste lustige Tierassoziation. Das mich ebenfalls überraschende vertraute “Du” verwendete er übrigens auch schon vorher bei der Tiergattungsbenamsung und na ja, die beiden “Kälber” saßen brav, wenn auch sehr aufmerksam links und rechts von mir und röchelten leider noch immer ein wenig, weil sich die Staubwolke noch nicht ganz verzogen hatte.
Naheliegenderweise fragte ich ihn, was ich mich denn überhaupt getraut hätte (ich fühlte mich alles Mögliche, aber sicher nicht sonderlich mutig), worauf die Situation blitzartig eskalierte, oder genau genommen, eigentlich de-eskalierte. Denn die Dame an des Schreiers Seite (sie schien tatsächlich noch Schlimmeres zu befürchten) bewegte plötzlich erstmals nicht nur ihren Kopf, sondern legte ihren linken Arm auf seine rechte Hand am Lenkrad und schloss mit der rechten Hand das Autofenster und dann brausten sie davon, nicht ohne eine neuerliche Staubwolke zu produzieren …
Aber vielleicht war auch alles ganz anders und die Dame hatte nur schon erste Taubheitssymptome in ihrem linken Ohr?
Im Davonfahren konnte ich die prominent angebrachte Aufschrift auf dem Auto auch deutlich lesen und manch in den vergangen Minuten langsam aufkeimender Verdacht begann sich nun zu erhärten:
Weingut F.* (mit Adresse)
Und während ich noch kurz der versäumten Gelegenheit nachtrauerte, ein lustiges YouTube-Video des eben Erlebten produziert zu haben (ich hatte leider mein Handy im Auto gelassen), setzten wir ganz entspannt unseren Spaziergang fort – und mir schien, als würden uns die Klänge der Symphonie Nr. 1 in D-Dur von Gustav Mahler begleiten …
*) Selbstverständlich wurde der Name bzw. die Initiale des Namens des Weinguts hier verändert, denn schließlich sind meine beiden einzigen Zeugen für das geschilderte Erlebnis bloß zwei Doggen ;)


am 18. Juli 2011 um 14:57 Uhr:
Ihr tapferes Trio !
Das war ja ein richtiges Zweibein- Abenteuer – auch in RIchtung Selbstdisziplin (Deiner und der der Pelzigen) Stimme mit Dir total überein, dass der “wein- und widerliche” Gutsherr eigentlich ganz andere Aufreger im Ärmel hatte und Ihr ihm nur ein gesuchtes Ventil gewesen seid :-)
Freu mich schon auf den Sonnenblumenweg mitgenommen zu werden ..und danke für Mahler!
:-) LG Elise
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