Archiv für März 2010

Der Fremde

23. März 2010

Ich fahre ein Auto mit dem amtlichen Kennzeichen WN (Wiener Neustadt) xxx.xx. Ich arbeite (und wohne auch z.T.) in Eisenstadt. Das amtliche Kennzeichen für ein in Eisenstadt zugelassenes Auto ist E.

Ich besitze 2 große Hunde, nämlich Doggen.

Ich fahre, oder besser fuhr, mit den beiden Pelzigen oft in den nächsten, Eisenstadt eingemeindeten Ort, wo wir eine schöne Runde entlang der Felder gehen können/konnten.

Ich bekam gestern per RSB-Brief eine Anzeige (datiert mit 16. 03.) zugestellt. Der gelbe Zettel trug den Postvermerk “Leinenzwangsverordnung”. Auch das Schreiben hat den Betreff “Verstoß gegen die Leinenzwangverordnung”.

Aus dem Inhalt:

Es wurde gegen Sie Anzeige erstattet. Letztes Wochenende, am Samstag, den 13. 03. 2010, gegen 9 Uhr vormittags, wurde vom Anzeiger beobachtet wie 2 große nicht angeleinte schwarze Hunde beim … in Eisenstadt/Kleinhöflein Rehen nachjagten. Die beiden Hunde waren laut Anzeiger zwei PKW‘s eindeutig zuzuordnen. Bei einem davon handelte es sich um den auf Sie zugelassenen PKW mit dem polizeilichen Kennzeichen WN xxx.xx.

Gleich vorweg: Es wurde keine Geldstrafe verhängt, sondern nur auf die bestehende Leinenzwangverordnung hingewiesen. Danke ans Magistrat :-)

Aber (und dieses bezieht sich ausschließlich auf den oder die Anzeiger):

Wir sind mit den Hunden seit dem 22. Februar 2010 kein einziges Mal auch nur in der Nähe des in der Anzeige beschriebenen Ortes spazieren gegangen, auch nicht am 13. März.

Am 13. März 2010 waren weder ich noch mein Auto in Eisenstadt oder auch nur in der Nähe von Eisenstadt. Dies lässt sich auch einfach, hinlänglich und klar beweisen! Definitiv niemand konnte mein Auto also an diesem Tag in Eisenstadt und Umgebung gesehen haben. Die Hunde gingen mit Frauchen wo anders spazieren (die übrigens ein Auto mit einem Eisenstädter Kennzeichen fährt).

Ich bestreite nicht, dass beide Hunde einmal Rehen nachliefen. Freilich ohne auch nur den Hauch einer Chance sie zu erwischen. Und auch nicht lange, nach dem 5. oder 6. Pfiff kehrten sie um, spät, aber immerhin. Aber tatsächlich nur ein einziges Mal (wenn auch einmal zu viel) und nicht am 13. 03. 2010, sondern Mitte Februar. Und dieses eine Mal waren sie mit Frauchen unterwegs, ich war gar nicht dabei (wäre mir aber genauso passiert). Nur, darum geht’s gar nicht (abgesehen davon, dass so etwas nicht passieren darf und uns selbst am meisten ärgert).

Ich weiß also nicht, was der oder die Anzeiger beobachtet und “eindeutig zugeordnet” hat/haben. Mein Auto, ich oder meine Hunde können es jedenfalls nicht gewesen sein.

Ich weiß auch nicht, wann der oder die Anzeiger (offenbar vorsorglich) meine Autonummer notiert hat/haben, jedenfalls sicher nicht am 13. 03.

Ich weiß aber, warum mir zwei Geschichten einfallen, die ich schon fast vergessen hätte:

Vor einigen Monaten luden wir in meiner Arbeitsstelle (in Eisenstadt) mein Auto, einen Van, voll mit Papier, das ich zum nächsten Papiercontainer brachte. Dort wurde ich von einer Dame angepöbelt, die echauffiert darauf hinwies, dass sie es nicht einsehen könne, warum ich von Wiener Neustadt nach Eisenstadt fahre, “meinen Müll” abzuladen!

Kurze Zeit darauf parkte ich mit meinem Auto am als Kundenparkplatz ausgewiesenen Parkplatz des örtlichen Postamts (in Eisenstadt), da ich einen Postweg zu erledigen hatte. Eine Autofahrerin, die sich neben mir einparkte, wies mich sehr unfreundlich darauf hin, dass hier Parken für “Fremde” (sic!) nicht erlaubt sei. Die Dame fuhr ein Auto mit dem amtlichen Kennzeichen EU (Eisenstadt-Umgebung).

bericht über den frühling

22. März 2010

ein tag wie seide -

der frühling schickt
seine falter
voraus

die krähen
sind fortgezogen

das lachen
des nachbarn
widerlegt
alle zäune

Albert Janetschek, 1925-1997; aus: Fingerzeige. Gedichte, 1981, 10

Parabase

22. März 2010

Freudig war vor vielen Jahren
Eifrig so der Geist bestrebt,
Zu erforschen, zu erfahren,
Wie Natur im Schaffen lebt.
Und es ist das ewig Eine,
Das sich vielfach offenbart.
Klein das Große, groß das Kleine,
Alles nach der eignen Art.
Immer wechselnd, fest sich haltend,
Nah und fern und fern und nah;
So gestaltend, umgestaltend -
Zum Erstaunen bin ich da

Johann Wolfgang Goethe, gestorben heute vor 178 Jahren in Weimar;
zum Beitrag inspiriert von @diesanne; danke!

Enttäuschung

12. März 2010

Es war einmal ein Prinz, der wurde, ohne dass er etwas Böses getan hätte, von einer Hexe mit einem Zauberbann belegt. Wegen dieses Zaubers konnte er nur ein Wort pro Jahr sprechen. Allerdings konnte er die Worte aufsparen, wenn er also in einem Jahr überhaupt nicht sprach, durfte er im folgenden Jahr zwei Worte sagen.

Eines Tages begegnete ihm eine schöne Prinzessin, und sofort verliebte er sich unsterblich in sie. Er nahm sich vor, zwei Jahre lang nicht zu sprechen, damit er sie dann “Mein Liebling” nennen konnte.

Als die zwei Jahre vorüber waren, besann er sich jedoch anders. Er wollte seiner Angebeteten auch sagen, dass er sie liebe. Also wartete er weitere drei Jahre. Am Ende der fünf schweigend verbrachten Jahre wurde ihm klar, dass er sie auch um ihre Hand bitten musste. Dafür waren weitere vier Jahre Schweigen erforderlich.

Als schließlich neun lange Jahre des Schweigens vorüber waren, wusste er sich vor Vorfreude kaum zu halten. Er führte die Prinzessin in einen besonders romantischen Winkel des Schlossgartens, kniete vor ihr nieder und sprach sie mit folgenden Worten an:

“Mein Liebling, ich liebe dich. Willst du mich heiraten?”

Die Prinzessin erwiderte nur: “Wie bitte?”

“Genau so eine Antwort hätte Schopenhauer erwartet”, meinen die Autoren:
Thomas Cathcart, Daniel Klein, Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar, München 2007, 138

Religion

10. März 2010

Eines Tages fragten einige Theologen Nasreddin, ob er die Mitglieder anderer Religionen verachte. Nasreddin fragte, warum er dies tun soll. Er fügte hinzu, dass Gott sich den Luxus erlauben dürfe, unter verschiedenen Namen und in verschiedenen menschlichen Vorstellungen zu erscheinen. Deshalb sei das Bild, welches sich die Menschen von Gott machten, immer ein persönliches Bild und dies dürfe nicht verachtet werden. Da schwiegen die Theologen und manche denken bis zum heutigen Tag darüber nach.

101. Geschichte von “Einhundertundeine Geschichte von Nasreddin Hodscha”, 2008

Mehr über Nasreddin Hodscha auf dem höchst lesenswerten Blog von Hussein Hamdan!

Das trunkene Lied

8. März 2010

Gelesen von Fritz Stavenhagen

Das trunkene Lied

O Mensch! Gib acht!
Was spricht, die tiefe Mitternacht?
“Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- Will tiefe, tiefe Ewigkeit!”

Friedrich Nietsche;
zum Beitrag inspiriert von tiniaden; danke!