Kleine und große Menschen

11. Januar 2010

Ein Merkmal großer Menschen ist, dass sie an andere weit geringere Anforderungen stellen als an sich selbst.

Marie von Ebner-Eschenbach


Der Umkehrschluss scheint zu stimmen, dass nämlich kleine Menschen an andere höhere Anforderungen stellen als an sich selbst, weil sie zu klein sind, um die höheren Anforderungen selbst erfüllen zu können. Wenn sie sehr klein sind, vielleicht auch deshalb, weil es sie freut, wenn die anderen an den ihnen auferlegten höheren Anforderungen scheitern und ihnen – den sehr Kleinen – dieses Scheitern der anderen wiederum das trügerische Gefühl verleiht, selbst größer zu sein.

Könnte es aber nicht sein, dass manche große Menschen an andere weit geringere Anforderungen stellen als an sich selbst, nicht weil sie so groß sind, sondern weil sie Angst haben, dass die anderen, sobald sie an den höheren Anforderungen wachsen, größer und ihnen schließlich zu groß werden? Und sie selbst eigentlich gar nicht groß, sondern genauso klein sind wie die Kleinen, die glauben groß zu sein?

  1. Werther schreibt
    am 16. Januar 2010 um 22:37 Uhr:

    Ich stimme Dir zu (falls der letzte Satz nicht nur ein Denkanstoss war sondern auch Deine Meinung beinhaltet hat), dass vermeintlich grosse Menschen wohl des öfteren andere absichtlich aus einzig und allein egoistischen Gründen “dumm halten wollen”. Somit verlieren erstere natürlich diesen Nimbus des Grossen. Nichtsdestotrotz ist es aus der Ich-Perspektive oft von Vorteil seine eigene Position zu behaupten – der Begriff “Herrschaftswissen” fasst dies schön zusammen. Dass dies aber wie schon geschrieben alles andere als menschliche Grösse widerspiegelt versteht sich von selbst. Allerdings was ist menschliche Grösse und ist diese nicht nur deshalb erstrebenswert, weil man von sich selber eine gute/bessere Meinung haben möchte, also lediglich ein egoistisches Motiv die Triebfeder darstellt? Zwar ist es noch immer weitaus besser wenn durch diese Art des Ego-Streichelns andere (die von Fortuna schlechter gestellt wurden) gefördert werden als wenn eine destruktive Art von Egoismus am Werk ist, jedoch ändert es nichts am egoistischen Grundbedürfnis sein (zerbrechliches und vermeintliche grosses) Selbstbild zu bewahren.

  2. Johannes schreibt
    am 16. Januar 2010 um 22:57 Uhr:

    Lieber Werther,
    nun, es ist in der Tat meine tiefe Überzeugung, nicht ohne mich durchaus auch selbst bei der Nase nehmen zu müssen.
    Im Prinzip stimme ich dir schon zu, meine aber, dass die zitierte menschliche Größe ganz einfach da oder nicht da ist oder besser da oder nicht da sein sollte oder müsste … sie erstreben zu müssen, wäre wohl schon ein entscheidender Nachteil und würde vielleicht sogar die wahre Größe unmöglich machen? Weil eben ein egoistisches Motiv verhindert, dass Größe sich entfalten kann.
    Wenngleich ich die Möglichkeit des Erstreben-Könnens, jenseits aller Egoismen, auch nicht gänzlich bestreiten möchte …

  3. artstage schreibt
    am 1. Februar 2010 um 13:08 Uhr:

    meine oma hatte für kleine menschen einen tröstlichen spruch auf lager, der sehr oft leider missverstanden wurde:
    “kleiner mist stinkt am meisten” – das hat manchmal gegenteilige wirkung gehabt, auch wenn sie damals der meinung war, das “mist” etwas total wertvolles sei (“schau dir meinen garten an, wie da alles wächst…”).
    vielleicht sollte ich damals aber nur eine lektion über die “2 seiten einer medaille” bekommen? ;-)

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