Vor einigen Tagen war ich zur Eröffnung einer Ausstellung mit moderner Kunst eingeladen. Ich pilgerte also los und stürzte mich ins vermeintliche (Kunst)Vergnügen. Und traf auch tatsächlich gleich zu Beginn eine liebe Bekannte, die ich schon sehr lange nicht gesehen habe. Wir unterhielten uns längere Zeit und sie nahm dann auch die Gelegenheit wahr, mir kurz ihren Mann, Herrn M., vorzustellen.
Ich lauschte also brav den Eröffnungsreden und sah mir sodann die Bilder an und war von beidem nur mäßig begeistert. Mein Kunstverständnis, was moderne bildnerische Kunst betrifft, ist allerdings äußerst bescheiden, meine Kriterien sind schlicht und einfach: es gefällt mir oder es gefällt mir nicht. Und die Bilder gefielen mir nicht. Von Reden versteh ich ein wenig mehr und die fand ich unerträglich provinziell, zu viele der Eröffnungsgäste ebenso. Die Schlacht am (kalten) Buffet verdient eindeutig einen eigenen Beitrag.
Wenn ich nicht noch ein paar nette Leute getroffen hätte, würde ich den Abend als eher misslungen abhaken. Den netten Leuten gefielen übrigens die Bilder auch überhaupt nicht, wie sie mir versicherten.
Am nächsten Tag hörte ich im Radio gar wunderbare Rückblicke auf die Ausstellung: Die Presse überschlug sich vor Begeisterung, die Ausstellung wäre wirklich gelungen, die Bilder großartig.
Ich habe also wieder einmal alles falsch oder nichts verstanden …
Sozusagen zur Bestätigung des großen Erfolgs hörte man noch einige Interviews mit Gästen der Vernissage, die selbstverständlich auch nur Gutes zu sagen wussten und einander im Lob über das Gezeigte übertrafen. Eine Aussage fiel mir dabei sogar besonders auf, als nämlich ein Interviewter meinte, dass ihm aufgefallen wäre, dass die meisten Anwesenden – so wie überhaupt die meisten Leute – solche Bilder ohnehin nicht schätzen könnten, weil ihnen das nötige Kunstverständnis und der intellektuelle Zugang zur Kunst fehle.
Als ich am Nachmittag dann in der Stadt zu tun hatte, traf ich ganz zufällig die liebe Bekannte vom vergangenen Abend. (Sie wissen ja wie das ist: erst trifft man einander Jahre nicht und dann gleich mehrmals hintereinander) Wir plauderten kurz über die Ausstellung und ich erzählte ihr natürlich von dem aufgeblasenen Dummkopf, der da meinte, dass wir alle zu einfältig für die Ausstellung seien …
Am Abend brachte dann das regionale TV-Programm ebenfalls einen Rückblick auf die Ausstellungseröffnung und die Interviewten bekamen nun Gesichter. Als ich aber erkannte, dass der aufgeblasene Dummkopf Herr M. war, wurde mir ein wenig übel …
am 6. Januar 2010 um 15:47 Uhr:
oh, was für ein schönes fettnäpfchen! danke für teilen dieses erlebnisses.
am 1. Februar 2010 um 12:59 Uhr:
;-) ja, mein lieb er, so kann’s schon einmal passieren.was deine bemerkungen über die “eröffnungsreden” betrifft: die sind der grund, warum ich nur mehr in ausnahmefällen zu vernissagen gehe. das ausstellungserlebnis im sinne einer – im optimalen fall möglichen – kommunikation mit der kunst ist für mich ein subjektives, daher “solo”.erlebnis. – und dann natürlich auch nachhaltiger. bei vernissagen trifft man so viele leute, dass meist das kunsterlebnis auf der strecke bleibt.
lg