Thalia, die ‘gute alte Buchhandlung’ und WEB 2.0

18. Oktober 2009

Vor einigen Tagen, am 14. Oktober, stieß ich über einen Tweet auf einen Beitrag über den Buchhandelsriesen Thalia, der einen lang gehegten Verdacht meinerseits bestätigte.


Am selben Tag, kurze Zeit später, holte ich mir in Eisenstadt in der “guten alten Buchhandlung” ein paar bestellte Bücher ab, darunter “Menschenteufel” von Marcus Rafelsberger. Dieses Buch, für das vom Verlag das Auslieferungsdatum 12. Oktober angekündigt war, war tatsächlich erst am 14. Oktober in der Buchhandlung eingetroffen. Vielleicht hätte ich es ja über Amazon ein oder zwei Tage früher erhalten, aber ein Buch in der Buchhandlung (und nicht online) zu erstehen, verschafft mir, auch wenn es altmodisch klingt, doch noch immer ein gutes Gefühl.
Schon hier sei angemerkt, dass das Buch nur als Einzelstück für mich bestellt wurde.

Ortswechsel: Am Freitag in Wiener Neustadt. Nach langer Zeit machte ich wieder einmal einen Routinestreifzug durch die 2 Stockwerke Bücher in der Thalia-Zweigstelle, wo mich Dan Brown‘s neues Buch fast erschlug. Da ich in den Regalen zwar die Bücher von Rossmann, Haas, Slupetzky etc., nicht aber jenes von Rafelsberger sichtete, nutzte ich die Gelegenheit, um nach dem “Menschenteufel” zu fragen, so als ob ich ihn mir einmal ansehen wollte …

Das folgende Gespräch mit dem Verkäufer (VK), der sichtlich weder Autor noch Buchtitel je gehört hatte, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Ich: “Können Sie mir bitte sagen, wo ich den “Menschenteufel” von Marcus Rafelsberger finde?”
VK: (nach kurzem Stocken) “Da muss ich nachsehen …” (tut dies) “… den haben wir nicht lagernd.”
Ich: “Warum nicht?”
VK: “Ja, wissen Sie, wenn ein Buch so lange liegt und nicht verkauft wird, dann legen wir es uns nicht mehr auf Lager!”
Ich: Was heißt hier bitte “so lange”? Das Buch ist doch erst seit drei Tagen auf dem Markt!
VK: (wechselt die Gesichtfarbe hin zu Rötlich) “Ich seh nochmals nach …” (tut dies) “… Also bei mir steht, dass das Buch in einigen Monaten in einer neuen Auflage ausgeliefert wird.”
Ich: “Nein, das gibt es nicht, denn das Buch erschien wie gesagt vor drei Tagen, ganz neu und in der ersten Auflage.”
VK: Na trotzdem, Sie können es ja bestellen.

Offenbar ist also der emons:-Verlag, in dem der “Menschenteufel” erschien, bei Thalia mit dem Bann belegt (siehe oben verlinkten Beitrag über Thalia). Mir fiel aber noch etwas anderes, viel Beunruhigenderes, auf: Meinen Tweet, dass die Angestellten bei Thalia auffällig kompetent und freundlich sind, ziehe ich nämlich hiermit offiziell zurück, denn fast das gesamte Personal in der Filiale ist neu. Ich traf nur mehr eine sehr kompetente Dame, die ich noch von früher kenne und die auch jetzt wieder außerordentlich freundlich und bemüht war. Wenn mein Verdacht stimmt, dann bleibt mir nur, ihr wirklich alles Gute zu wünschen …

So pilgerte ich also weiter und kaufte mir in einer anderen – mir sehr vertrauten – Buchhandlung in Wiener Neustadt die “Atemschaukel” von Herta Müller. Ich gebe kleinlaut zu, auch zu jenen zu gehören, die vor der Verleihung des Literaturnobelpreises noch nie von ihr gehört haben. Ganz im Gegensatz zu dem sehr belesenen Buchhändler in der besagten kleinen und wirklich “guten alten Buchhandlung”. Dieser erzählte mir nämlich stolz, Herta Müller schon “ewig” zu kennen, alle ihre Bücher gelesen und ihr auch persönlich zum Literaturnobelpreis gratuliert zu haben. Leider, so bedauerte er, habe er aber noch keine Antwort von ihr bekommen!

Also fragte ich dann – schon im Hinausgehen – auch ihn nach dem “Menschenteufel” und hatte das Gefühl, den sehr belesenen Buchhändler am falschen Fuß erwischt zu haben, denn er musste zugeben, zwar schon etwas von diesem Buch gehört, es aber nicht auf Lager zu haben.

Auf meine Frage nach dem Warum antwortete er ehrlich, dass er es eigentlich nicht wüsste. Ich wies ihn verwundert darauf hin, dass das Buch schon am ersten Tag bei Amazon vorn mit dabei war, worauf ich eine denkwürdige Antwort erhielt:

Amazon ist für mich nicht repräsentativ.

Obwohl Amazon selbstverständlich auch für mich nicht repräsentativ im engeren Sinn des Wortes ist, stürzte bei dieser Aussage sozusagen eine kleine Welt in mir zusammen. Denn immer wieder erkläre ich jungen Mitarbeitern die aus meiner Sicht branchenübergreifende Marketingregel Nr. 1 mit einem Buchhändlerbeispiel: Dass sich nämlich kein Buchhändler leisten könne, nur jene Bücher auf Lager zu nehmen, die er selbst gerne liest … (und ja, auch das neue Buch von Dan Brown sichtete ich in der “guten alten Buchhandlung”).

Nach dieser Antwort des Buchhändlers verzichtete ich, auf die auch für mich faszinierende Beziehung “Menschenteufel” bzw. Marcus Rafelsberger und “Web 2.0″ hinzuweisen (siehe den Beitrag von Dominik Leitner) und verabschiedete mich.

Die “gute alte Buchhandlung” versus Web 2.0?

Auch wenn ich Thalia ganz sicher nicht zu ersterem zähle, sei der Vollständigkeit halber angemerkt, dass der “Menschenteufel” online bei Thalia erhältlich ist. Und würde mein geschätzter Buchhändler auch ein wenig online lesen, hätte er wahrscheinlich gewusst, dass Herta Müller doch nicht schwer erkrankt ist und sogar ihre Termine auf der Frankfurter Buchmesse wahrnehmen konnte … und vielleicht auch deshalb nicht Zeit hatte, ihm für seine Gratulationen zu danken? ;-) .

  1. tinius schreibt
    am 18. Oktober 2009 um 15:17 Uhr:

    Buchhändler – auch bei Thalia – können nicht immer alles wissen. Ich finde solche Fehlinformationen auch nicht wirklich erquickend, aber wenn schon das Kataqlogmaterial, vermutlich firmeneigen, Fehler aufweist, haben auch die Fachkräfte vor Ort einen schweren Stand. Ich halte amazon ebenfalls für nicht wirklich repräsentativ – und man kann deren Schwerpunkte nicht automatisch auf den stationären Buchhandel übertragen, denn im RL gibt es regionale Besonderheiten, die durch den landesweiten, teilweise internationalen Zugriff auf onlineshops nivelliert werden. Die Kunst des Buchhändlers ist unter anderem, möglichst richtig einzuschätzen, was sich verkauft und was nicht. An meinen ehemaligen Arbeitsplätzen gab es immer wieder bundesweite Bestseller, die dort wie Blei lagen, dafür verkaufte sich etwas, mit dem keiner gerechnet hatte….Zudem kann amazon etwas, was der kleine Buchladen nicht kann : vortäuschen, daß ein Buch am Lager ist. Denn die Barsortimente liefern so schnell, daß der Kunde gar nicht merkt, daß ein Buch erst besorgt werden mußte. Das würde nur auffallen, wenn jemand mit amazon prime bestellte – und, bitte, wer tut das denn wirklich ?

    Direkt antworten

  2. Tweets that mention Thalia, die ‘gute alte Buchhandlung’ und WEB 2.0 « typhaeus -- Topsy.com schreibt
    am 18. Oktober 2009 um 21:31 Uhr:

    [...] This post was mentioned on Twitter by Maria Mail-Brandt, Johannes Reiss. Johannes Reiss said: Korrektur zu Thalia und andere Erlebnisse rund um den Bücherkauf … neu im Blog: http://bit.ly/4nORS6 (cc: @bibliophag @rafelsberger) [...]

  3. panda schreibt
    am 19. Oktober 2009 um 07:18 Uhr:

    Noch dazu, wo die gute alte Buchhandlung in Wiener Neustadt als Internet-Buchhandlung auftritt.
    Aber trotzdem: in den allermeisten Fällen ist ihr Personal sehr “belesen”und kundig, leider nicht mehr sehr das Personal bei Thalia, da muss ich zustimmen, außer die eine Dame und ein Verkäufer im 1. Stock!

    Direkt antworten

  4. margot r. dimi schreibt
    am 28. Oktober 2009 um 19:56 Uhr:

    ich hab – leider – gegenteilige erfahrung gemacht. die letzte “gute alte buchhandlung” noch in wien hat von mir einen zeitungsausschnitt bekommen, den ich extra im kurierarchiv über eine freundin ausheben liess. zweimal fragte ich nach und erhielt ein “ist noch nicht da” als antwort. als ich – urlaubsbedingt – erst drei wochen später wieder nachfragte, hiess es, das buch wäre nicht aufzutreiben. als ich meinen zeitungsausschnitt retour haben wollte, hiess es, den hätte man weggeworfen, weil man gedacht hätte, ich käme eh nicht mehr …

    das war – schon vor jahren – für mich der zeitpunkt, auf amazon umzuschwenken. ich hätte gerne eine “gute alte buchhandlung”. aber hier “am land” …?

    wobei mir ziemlich egal ist, was bei amazon bestseller ist, ich weiss ja eh, was ich suche/will. nur als sie damals den diogenes-verlag aus dem programm nahmen, hab ich lange zeit amazon verweigert und das amazon auch mitgeteilt. inzwischen ist diogenes wieder dabei. und ich bestelle wieder bei amazon.

    Direkt antworten

  5. Marcus Rafelsberger: Menschenteufel « LeseLustFrust schreibt
    am 7. Januar 2010 um 07:28 Uhr:

    [...] typhaeus Lovelybooks Menschenteufel Marcus Rafelsberger bei facebook [...]

Einen Kommentar zu ›Thalia, die ‘gute alte Buchhandlung’ und WEB 2.0‹ schreiben


Bitte erst nach 20 Sekunden abschicken (Spamschutz)

nach oben

«     »