Also doch …

26. September 2009

Ich verwende beim Schlafen Ohropax-Ohrstöpsel. Ich kann sonst nicht schlafen. Oder genauer: Ich glaube nicht schlafen zu können, wenn ich keine Ohrstöpsel verwende. Ich liege nämlich, wenn ich sie einmal vergessen habe, im Bett und warte angestrengt auf Geräusche, die mich am Einschlafen hindern (könnten): im Sommer auf das Mark und Bein durchdringende Geräusch einer mich, das Opfer, umkreisenden Gelse, im Winter auf die Kratzgeräusche der Eisschaber, ganzjährig auf die Fieps- und Schnarchgeräusche meiner Pelzigen …


Jedenfalls zwingt mich der Umstand, dass die handelsüblichen Ohropaxpackungen maximal 20 Stück beinhalten, öfter in die Apotheke als mir lieb ist. Denn wenn auch nicht wirklich peinlich, ein wenig unangenehm ist es mir jedes Mal schon, eine neue Packung zu verlangen. Auf die Frage, welche ich genau möchte, stammle ich dann leise immer irgendetwas wie “die klassischen, ja, die aus Wachs …” und hoffe nur schnell bedient zu werden, um das Geschäft ebenso schnell verlassen zu können. Irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass mich die ApothekerInnen so seltsam anblicken, als würden sie hoffen, dass ich jene Ohrstöpsel aus hautfreundlichem PU-Schaum (für Entspannung), jene aus Wolle (fürs Duschen und Schwimmen) oder jene aus weichem Kunststoff (gegen kürzere Lärmbelastungen) verlange. Und dass sie sich berufsethisch verpflichtet fühlen, mich zu ermahnen, dass ich meine Einschlafstörungen nicht nachhaltig bekämpfen könne, indem ich mir Ohrstöpsel aus Wachs in die Ohren stopfe …

Ich wage mir nicht auszumalen, wie die Reaktion wäre, wenn die ApothekerInnen wüssten, dass alles eigentlich noch viel schlimmer ist. Denn es ist mir schon passiert, dass ich morgens diese Stöpsel nicht mehr entfernen konnte, weil ich sie nachts immer tiefer und tiefer reingeschraubt habe. Meine hysterischen Versuche, die Stöpsel zu entfernen, konnten den Canossagang ins nächste Krankenhaus nicht verhindern. Dass mir dort alles dann nicht nur ein wenig unangenehm, sondern so richtig peinlich war, liegt auf der Hand.

Gestern war es wieder so weit. Ich benötigte schon dringend eine neue Packung und suchte schnurstracks nicht meine Stammapotheke auf, sondern eine, in der ich noch nie Ohropax erstand. Dort wandte ich mich an einen Apotheker, den ich lange kenne und den ich noch nie lachen sah. (Es gibt leider auch in meinem weiteren Umkreis keine Apotheke, in der ich gänzlich unbekannt bin)

Nur diesmal lief alles anders, zunächst sehr erfreulich, ab: Denn der Apotheker fragte mich fast gütig und eher rhetorisch, so als würde er meine Schlafprobleme kennen und verstehen können, ob ich die klassischen meine, was ich zwar wortlos, aber mit eindeutiger Geste bejahte. Dann empfahl mir der nette Apotheker gleichsam als Geheimtipp sogar noch bessere Stöpsel, nämlich jene aus Silicon, die ich natürlich auch sofort kaufte. Er gab mir außerdem noch ein paar praktische Tipps für die Handhabung. Denn es sei ihm, so erklärte er mir, einmal passiert, dass er sie in der Früh nicht mehr aus den Ohren lösen konnte und daher dann ins Krankenhaus musste. Und dass ihm das alles so peinlich war, denn der Arzt habe ihn angesehen, als hätte er etwas Verbotenes getan.

Ein Leidensgenosse also.

Das folgende Gespräch war fröhlich, wir beide lachten irgendwie sehr befreit, erzählten unsere einschlägigen Erlebnisse und ich habe meinen Apotheker gefunden, bei dem ich auch in Zukunft vorbehaltlos meine Ohropaxpackungen kaufen kann.

Als das Gespräch am Schluss für mich unerwartet eine pikante Pointe erhielt. Denn der Apotheker erzählte mir, dass jüngst ein Arzt zu ihm in die Apotheke kam, den er nicht kannte, der ihn aber sofort begrüßte mit den Worten: “Ihnen habe ich doch damals die Ohrstöpsel entfernt”.

Nur, “damals” war vor 15 Jahren …

  1. LitterART schreibt
    am 26. September 2009 um 22:05 Uhr:

    Der Mensch ist merkfähig – besonders wenn es um BeMERKENS-WERTES geht.

    Leget Euch hin in Frieden und findet Euren ruhigen Schlaf, Ihr Menschen, auf dass Euch derartige hochnotpeinliche Ohrenunfrieden erspart bleiben.

    OhroPAX VOBISCUM!

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