Kant, Handynummern und die Senilität

20. September 2009

Während anspruchsvollere Geister die philosophischen Schriften Immanuel Kants lesen, begnüge ich mich mit seiner Biografie, und sogar da wählte ich nur eine Kurzfassung in Form der ro ro ro – Ausgabe. Es ist schon lange her, dass ich diese gelesen habe, trotzdem geht mir besonders eine Stelle nicht aus dem Sinn.

Kant hatte einen Diener namens Martin Lampe, den er nach 40 Jahren entließ. Heinrich Heine vermutet sogar, dass dieser Lampe einen erheblichen Einfluss auf Kants Denken, ja sogar auf die Entstehung seiner “Kritik der praktischen Vernunft”, gehabt hätte:

Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: “Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz verbürgen.”

Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1835), zitiert nach phf.uni-rostock.de/fkw/iph/thies/Heine-Zitat.pdf

Zu Lampe gibt es einen Wikipediaeintrag und dem Diener ist das Hörspiel von Jens Sparschuh “Ein nebulo bist du” (1989) gewidmet. Das Hörspiel wurde 1990 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, der bedeutendsten Auszeichnung für Autoren deutscher Hörspiele, ausgezeichnet. Ich, sonst kein großer Freund von Hörspielen, war hellauf begeistert und kann es nur uneingeschränkt empfehlen.

Im Hörspiel geht es darum, was sich im Vorzimmer Kants zugetragen haben könnte, nachdem Kant seinem Diener gekündigt hatte.

Da laut Manfred Gieler, Kants Welt. Eine Biographie, 2004, Seite 132, Kant sich seit Ende der 50-er Jahre einen Bediensteten, nämlich den ehemaligen Soldaten Martin Lampe, leisten konnte und ihm im Jänner 1802 kündigte, war Lampe gut 40 Jahre im Dienst Kants und nicht 30 Jahre, wie es das Hörspiel vorgibt.

Im Hörspiel denkt Lampe laut, im Hintergrund hört man ständig Kant herrisch befehligen, Lampe spricht abwechselnd in der 1. oder 3. Person über sich:

… Da ist er wieder, der gute Lampe, Gott sei’s gedankt, die einzige Leuchte in diesem stocktrüben Nest. Und böser Wind bläst auch noch, die auszublasen, damit es vollends finster werde. Ja, trüb ist’s geworden in unserem Königsberg, die Sonne, falls sie überhaupt noch kommt, gaukelt uns bloß was vor, ein matter Fleck am schmutzigen Himmel. Seit 30 Jahren, ein Menschenalter, bin ich hier Sonne, falls es dergleichen überhaupt noch gibt. Ich leuchte, wo ich mit meiner Lampe bin, ist Licht, Erleuchtung. …

… Ich komme ins Sinnieren, in dieser 5. Stunde des Tages, wohl seiner besten überhaupt – da ich mich unterhalten kann mit dem einzigen vernunftbegabten Wesen in diesem Kaff, mit mir selber …

… ein Jammer, in 30 Jahr redet keine Seele mehr von diesem Kant, höchstens der Martin Lampe, der war dann und wann mal angestellt bei einem Provinzgelehrten namens äh irgendwas wie Kant, Wand, Sand … was weiß denn die Welt von ihm? Nichts, gar nichts … und was dieser obskure Magister, Tschuldigung, Tschuldigung, natürlich Professor, von der Welt wusste, wusste er lediglich von seinem Martin Lampe. Sonst wusste er gar nichts …

In der oben angesprochenen ro ro ro – Biografie heißt es:

Zu den Gewohnheiten Kants, die besonders in sein Alter fallen, gehörte es nun, dass er stets ein Büchlein mit sich herumführte, in das er wichtige Notizen eintrug. In dieses Büchlein schrieb Kant nach der Entlassung des Dieners: Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden. Das ist der Salto mortale, den sein Ordnungsprinzip hier bis ins Absurde vollführt und dessen er sich selbst nicht mehr bewusst war. Sich an das zu erinnern, was vergessen werden muss: einer solchen Aporie wäre der Philosoph, der das Problem der sich selbst widersprechenden vernünftigen Logik in der Kritik der reinen Vernunft löste, sicherlich nicht verfallen, hätten ihm noch die Kräfte jener Zeit zur Verfügung gestanden.

Schultz Uwe, Kant, 1983, 59

Auf den ersten Blick scheint die Argumentation von Schultz einleuchtend, dass nämlich Kant Lampe nie und nimmer vergessen kann, wenn er sich dessen in einer schriftlichen Notiz erinnert. Aber war die Notiz wirklich der einzige “Fehler” Kants?

Die Frage ist ja wohl, woran wollte denn Kant mit dieser Notiz erinnert oder – wahrscheinlich eher – nicht mehr erinnert werden? Wollte er erinnert werden, dass er Lampe entlassen hatte und daher vergessen müsse, oder wollte er daran erinnert werden, dass er einen neuen Diener hat? Dann müsste der Eintrag aber lauten: “Mein neuer Diener heißt Johann Kaufmann”.

Und überhaupt: Den Lampe hätte Kant ohnehin nie vergessen können, denn Lampe hat sich wohl zu tief in das Gehirn Kants eingetragen, als dass er seine Erinnerung an ihn mit einer Notiz auslöschen hätte können.

Ein in diesem Zusammenhang fast anmaßend simples Beispiel: Seit einigen Wochen habe ich eine neue Handynummer. Meine alte Nummer, die ich respektable 13 Jahre hatte, geht mir noch immer leichter über die Lippen als die neue. Und ich frage mich langsam, wann sich das ändert. Ich dürfte also wohl nicht notieren “Meine alte Handynummer ’0000′ vergessen”, sondern etwa “Meine neue Handynummer lautet ’1111′”.

Bleibt schlussendlich noch die kummervolle Erkenntnis, dass das Festhalten meiner Geschichten hier im Blog wohl auch schon ein erstes Anzeichen einsetzender Senilität ist?
Ich komme ins Sinnieren …

  1. LitterART schreibt
    am 22. September 2009 um 22:22 Uhr:

    Tja, mein geschätzter taurischer Coleopterus! Eine Handynummer ist halt kein Mensch und dieser wiederum mehr als ein vom Textheftchen- und Regieanweisungskorsett manierlich gemachter Schauspieler in einem Hörspiel!

    Der gute, praktisch immer so kritisch vernünftige Immanuel könnte immerhin von einem sekundennimbusartigen Sentimentalhäuchchen umweht worden sein in jenem hic et nunc angesprochenen und vieldiskutierten, sich aus den uns nicht mehr zugänglichen Geschehnissen ereignisreicher Vor-Zeiten zusammengebrauten Augenblick – - – wer weiß aus welchen klingelhohen oder dröhntiefen Gründen, die auszumalen uns nicht ansteht. So könnte das immerhin gewesen sein – und natürlich auch totaliter aliter!

    Dass dem Kant im Laufe der weisheitsträchtigen Jahre dank dem Lampe so manches Licht aufgegangen ist, halte ich einerseits für glaub-, andererseits für denkwürdig. Daraus können wir so manches lernen.

    Schöner Blog. Danke – es war mir ein Vergnügen! Weitere dergleichen mögen dank Ihrer hohen Schreibkultur folgen.

    Schönen Abend, schönes Leben wünscht

    Michael

  2. Johannes schreibt
    am 22. September 2009 um 23:02 Uhr:

    Ich habe zu danken und erröte.
    Ja, in der Tat denk- und merkwürdig, quasi mein Lampe’sches Engramm, seit mehr als 20 Jahren …

    beste Grüße von Johannes

  3. Bin gestorben, komme morgen … « typhaeus schreibt
    am 28. Dezember 2009 um 17:59 Uhr:

    [...] vier Monate ins Land gezogen und ein “Kontroll”anruf an meine alte Nummer (die ich leider noch immer nicht vergessen habe) lässt mich eine zwar geschäftlich-freundliche, aber vollkommen falsche und [...]

Einen Kommentar zu ›Kant, Handynummern und die Senilität‹ schreiben


Bitte erst nach 20 Sekunden abschicken (Spamschutz)

nach oben

«     »