Anfang Mai dieses Jahres bekam ich via E-Mail eine sehr freundliche Einladung, ein Referat im Rahmen der Internationalen Tagung “Kulturelles Erbe und Neue Technologien” im November 2009 in Wien zu halten.
Ich würde Sie, mit Ihren Erfahrungen … hier sehr gerne als Vortragenden gewinnen.
Gerne sagte ich zu und freute mich über die Einladung. Ich sollte über meine Erfahrungen mit einem eigenen barrierefreien Kulturportal sprechen.
Die nächste E-Mail kam Anfang Juni von einem Kollegen des Absenders der ersten E-Mail und ich wurde gebeten, ein Abstract zu schreiben.
Der gesteckte Zeitrahmen für die Abgabe, nämlich 14 Tage, war mir jedoch zu knapp und ich konnte dieses Abstract leider erst vorige Woche abgeben.
(Das ist sonst gar nicht meine Art, aber da ich tief in anderen Projekten steckte, konnte ich mich auf mein Referat im November noch nicht konzentrieren.)
Also schickte ich mein Abstract ab, habe mich jedoch nicht an die vorgegebenen maximal 300 Wörter gehalten. Auch mea culpa, ich hatte die Rahmenbedingungen nicht ordentlich gelesen.
Eine Woche später, nämlich heute, erhielt ich von einem dritten Absender, dem für die Tagungsorganisation Verantwortlichen, eine E-Mail, deren Inhalt ich zweimal lesen musste:
Vielen Dank für die Übersendung Ihres Abstrakts. Könnten Sie es bitte etwas kürzen, unsere Richtlinie liegt bei max. 300 Worten.
Bitte nicht auf die Anmeldung und die Zahlung unseres Tagungsbeitrages zu vergessen
Sollten Sie nur am Workshop anwesend sein – 45 Euro, für die ganze Tagung (wir würden uns sehr freuen) – 60 Euro.
Danach wurden die Bankkoordinaten angegeben.
(Fett-Formatierungen von mir).
Ich sah rot, wartete bis mein Gemüt etwas abkühlte … und sah noch immer rot.
Nein, die Kürzung wäre natürlich ganz leicht und schnell möglich gewesen, es geht um den zweiten Teil der E-Mail.
Ich bin sicher nach 25 Jahren Museumstätigkeit sozusagen “subventionsbetriebsgeschädigt”. Im Gegensatz zur Privatwirtschaft bin ich es fast gewohnt, dass im öffentlichen Bereich, näherhin im Museumsbereich, oft nur Fahrtspesenersätze und – wenn überhaupt – nur sehr bescheidene Honorare für Vorträge gezahlt werden.
Aber es ist mir noch nie passiert, dass ich für einen Vortrag, zu dem ich eingeladen wurde, auch noch zahlen sollte.
Dabei geht es mir nicht nur ums berühmte Prinzip (obwohl ich dazu stehe, dass es für mich auch eine grundsätzliche Frage ist), sondern vor allem um einen sehr konkreten Aspekt:
Denn nach einem Blick auf die Tagungswebsite schien mir – sehr freundlich formuliert – eine Beschäftigung mit dem barrierefreien Web durchaus dringend angezeigt. Denke ich an viele andere Kulturportale im Netz, liegt die Sache nicht wesentlich anders.
Die Entscheidung zu mehr Accessibility im Web muss vom Entscheidungsträger kommen und – gesetzliche Vorschriften hin oder her – im optimalen Fall echte Bereitschaft und Initiative zur Veränderung signalisieren.
Eine Tagungsgebühr zu bezahlen, um damit mein Thema transportieren zu können können, halte ich hinsichtlich eines ehrlichen Umdenkens hin zu mehr Accessibility im Web für aufdringlich und damit für höchst kontraproduktiv. Jedes noch so bemühte Referat bekäme einen billigen Anstrich und würde letztlich zur Farce.
Auch mein missionarischer Eifer hält sich dann sehr im Rahmen.
Nein, ich muss durchaus nicht über meine Erfahrungen berichten, um andere von der Wichtigkeit eines zugänglicheren Webs zu überzeugen. Und schon gar nicht, wenn ich das Gefühl bekomme, dass ich auch gar nicht wirklich eingeladen wurde, sondern mir die Erlaubnis zu reden ohnehin mit dem Bezahlen der Tagungsgebühr sozusagen erkaufen müsste.
Also schickte ich kurzerhand meine Absage und begründete diese wie folgt:
Ich gebe zu, dass ich öfter mal ein Referat bzw. einen Vortrag auch gratis halte, dafür zahlen durfte/musste ich dafür aber nicht einmal während meiner Studienzeit.
Ich denke, dafür haben Sie Verständnis.
Zugegeben, es ist nicht ein Glanzstück meiner Formulierungskunst und ich entschuldige es vor mir selbst mit meiner Aufgeregtheit. Aber die Antwort ließ diesmal nicht lange warten, 15 Minuten später landete sie schon im Posteingang:
Sehr geehrter Herr …!
Wir haben Ihre Absage zur Kenntnis genommen und Ihr Abstrakt aus der Tagung genommen.
Klingt sehr erleichtert …
erleichtert war allerdings auch ich …
am 9. September 2009 um 14:53 Uhr:
Absolut nachvollziehbare Reaktion Ihrerseits – das Vorgehen der Veranstalter erinnert mich übrigens ein bisschen an die Praxis von Bezahlverlagen: “ja, wir LIEBEN Ihr Manuskript. Und wenn Sie uns dafür Geld geben, veröffentlichen wir es sogar…”
Sein Wissen gegen eine Unkostenbeitrag (und das heißt ja letztlich gratis) zur Verfügung zu stellen, wie das bei vielen ähnlichen Tagungen die Regel ist, ist die eine Sache; sich in eine Veranstaltung gewissermaßen einkaufen zu sollen, ist eine andere – und eine “Einladung”, für die man (wenn auch über Umwege) bezahlt, ist jedenfalls keine “Einladung”! *kopfschüttel*
am 9. September 2009 um 15:48 Uhr:
@ Seth,
sehe ich haargenauso. Ich würde es sogar noch deutlicher formulieren: Jeder/jede der/die ein Referat unter den zitierten Bedingungen hält, bestätigt damit implizit die (unterstellte) Wertlosigkeit des Inhalts,
beste Grüße Johannes
am 11. September 2009 um 16:34 Uhr:
Wirkliche Sauerei das Ganze von dem Veranstalter; wie heißt es so schön bei Asterix “Barbaren, Ignoranten, Wüstlinge …”
am 11. September 2009 um 20:10 Uhr:
Ich war verwundert, als ich den Veranstalter las. Vielleicht mussten die B-Stars des stornierten Jackson-Tribute-Konzerts auch für ihren Auftritt zahlen und haben wie du deshalb abgesagt ;-)?
Nein, im Ernst: Auf jeden Fall versteh ich dich voll und ganz.
Grüße panda
am 29. September 2009 um 11:57 Uhr:
Lieber Herr Reiss,
als Absender des initialen E-Mails und als Chair des Workshops, in dem ihr Vortrag geplant gewesen wäre, möchte ich kurz meine Sicht der Dinge einbringen. Mir tut es wirklich wahnsinnig leid, was hier wie abgelaufen ist.
Mit dem Abstand einiger Wochen möchte ich nun die Emotionalität in sich ruhen lassen, und lieber auf das zugrundeliegende Missverständnis in der Konzeption der Veranstaltung hinweisen – das sich mir auch erst recht frisch erschlossen hat.
Die Tagung “Kulturelles Erbe und Neue Technologien” der Stadtarchäologie Wien findet primär in einem akademischen und kommunalen Kontext statt. Man hat mir seiten der Veranstalter versichert, dass die gewählte Praxis, dass auch Vortragende den Tagungsbeitrag zu entrichten haben, in diesem Kontext durchaus gängig sei. Dass es eine wirtschaftliche Notwendigkeit dazu gibt, wird aus dem Schlüssel 60:40 (als dem Verhältnis von auch einen Vortrag Haltenden zu reinen Zuhörern) klar.
Mir weiters versichert, dass es gängige Praxis bei vielen Institutionen sei, als Bedingung für die Teilnahme an einer Tagung einen aktiven Beitrag nachzuweisen. D.h. in der Regel ermöglichen die Institutionen die Teilnahme und übernehmen die Kosten, verlangen aber offenbar das Halten eines Vortrages o.ä.
Um hier dem von Ihnen auch angesprochenen Vorwurf der Beliebigkeit seitens der Vorträge entgegenzuwirken sind für die einzelnen Slots der Tagung eben Chairs eingesetzt – hier komme somit auch ich wieder ins Spiel, die für die Qualität der Vortragenden und der Vorträge sorgen. Es wurden und werden Vorträge aus inhaltlichen Gründen abgelehnt.
Mir ist bewusst, dass diese Praxis nicht unproblematisch ist, v.a. auch dass sie mit der Praxis, die man von z.B. Webkonferenzen kennt, nicht zusammenkommt.
Es tut mir leid, dass ich durch mein Einladungsemail diese unglückliche Kette losgetreten habe, und dass ich den hier grob skizzierten Ablauf nicht schon zu Anfang angesprochen habe – die Problematik ist mir leider zu spät bewusst geworden.
Ich bin jedoch nach wie vor überzeugt, dass Ihr Beitrag ein höchst lohnender für den Workshop gewesen wäre, es also richtig war, Sie zu kontaktieren (was die Lage leider nur bedauernswerter macht).
Ich hoffe aber zumindest, dass die Umstände jetzt etwas klarer geworden sind,
mit besten Grüßen
Thomas Jöchler
Leitung Projektentwicklung wien.at Online
ps: bzgl. des Hinweises auf die nicht barrierefreie Webseite zur Tagung haben Sie – leider – völlig recht. Ich bedauere auch, dass diese Seite nicht ausreichend zugänglich ist. Sie ist nicht unter dem Dach von wien.at angesiedelt, ich werde mich aber nochmals dafür einsetzen, dass Sie zugänglicher wird (mein persönliches Minimalziel für den Workshop).