Visionäre

2. September 2009

Politiker und Politkerinnen sprechen bekanntlich gerne von Visionen. Jedesmal frage ich mich, wovon sie dann tatsächlich sprechen. Ich gestehe, ich verstehe nicht wirklich, was mit Visionen im politischen (oder im weiteren Sinn auch im wirtschaftlichen …) Kontext genau gemeint ist. Nun klärt mich der Duden auf, dass eine Vision nicht nur eine (religiöse) Erscheinung, das innere Bild einer Vorstellung oder eine Halluzination sein kann (siehe Wikipediaeintrag), sondern auch ein Zukunftsentwurf.
Also bin ich zufrieden, will Vision als Zukunftsentwurf zu deuten versuchen und beginne zu verstehen.


Nun aber höre ich heute in der ZIB 1 um 19.30 Uhr, dass Eva Glawischnig aus der Babypause zurück auf der politischen Bühne ist und die stellvertretende Bundessprecherin Maria Vassilakou sich unter anderem zuversichtlich zeigte,

Ende November in Wien einen Zukunftskongress abhalten zu können. Man wolle sich öffnen und visionäres Denken wagen, hoffte Vassilakou auf rege Beteiligung von Hunderten interessierten Österreichern …

Website gruene.at

Ich werde wieder unsicher, was denn damit gemeint sein könnte, denn “visionäres Denken” (also wohl “seherisches Denken”) hat in meiner Verständniswelt etwas ganz eindeutig Prophetisches. Das meint nicht mehr nur die mehr oder weniger simple Produktion von Visionen, sondern da gehts ans Eingemachte. Das aus dem Griechischen kommende Wort “Prophet” fasst die verschiedenen Arten der biblischen Prophetie zusammen, darunter auch der Chose חוזה, der “Seher”, der “Visionär”, also jener Begnadete, der die Offenbarungen Gottes sehen kann und diese dann auch dem Volk mitteilt.

Und bevor ich es vergesse: Das Wort “Chose” wird in der hebräischen Bibel vielfach in einem abschätzigen Zusammenhang verwendet, etwa in Amos 7,12, wo es heißt:

…Du Seher, geh weg und flieh in das Land Juda und iss dort Brot und weissage dort.

Ich bin durchaus geneigt darüber nachzudenken, wie wir die Zukunft besser gestalten können, nur fehlt mir leider jede seherische Begabung …

  1. Seth schreibt
    am 5. September 2009 um 13:09 Uhr:

    Dem großen Helmut Schmidt wird übrigens das schöne Wort zugeschrieben: “Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.” In diesem Sinne…(c;

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