Am Donnerstag, dem 23. Juli 2009, leitete Armin Wolf in der ZIB 2 in einem Interview mit dem Automobil-Experten Willi Dietz zur Fusion VW-Porsche eine Frage an letzteren wie folgt ein:
“Angedacht war es ja von Porsche-Chef Wiedeking ganz anders …”.
Ich musste mich zu vorgerückter Stunde gleich noch ein wenig aufregen. Denn genau das tut das Wort “andenken”, wenn es als Verb in der Bedeutung von “überlegen, erwägen usw.” verwendet wird.
Dabei ist mir das Wort in dieser Bedeutung seit gut 10 Jahren bekannt.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an meine Forenaktivitäten Ende der 90er Jahre in einem deutschen Börseforum. Es muss mich damals beeindruckt haben, dass der Administrator des Forums Regeln für die registrierten BenutzerInnen aufstellte, die nicht nur allgemein formuliert waren. Denn, um korrekte Sprache bemüht, bat er u.a. ausdrücklich darum, gewisse beliebte Wörter oder Formulierungen, darunter eben “andenken” nicht zu verwenden und brandmarkte sie als Unworte.
Tatsächlich findet man in der 22. Auflage des Duden aus dem Jahr 2000 auch (noch) kein Verb “andenken”.
Trotzdem hörte man das Wort zunehmend öfter, vor allem auch in den Medien.
Gewissermaßen als Bestätigung dafür darf das bekannte Online-Wortschatz-Portal der Universität Leipzig zitiert werden. Dort wird als eine Quelle für das Wort “andenken” berlinonline.de vom 15. 02. 2005 zitiert:
“So was wollen wir – auf neudeutsch gesagt – nicht mal andenken.”
Aber die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Sprache. Leider liegt mir die 23. Auflage des Duden nicht vor, aber in der 24. Auflage aus dem Jahr 2006 finden wir bereits das Verb “andenken” mit einem Beispiel wie es in der Praxis verwendet wird: “es ist angedacht, aufzustocken”. Kein Wort mehr von “neudeutsch” …
Vor wenigen Tagen, im Juli 2009, erschien die 25. Auflage des Duden. Das Wort “andenken” gibt es noch immer, das Beispiel blieb dasselbe.
In der Onlineausgabe des Duden finden wir drei Bedeutungen des Wortes “andenken”:
- (selten) gedanklich gegen etwas angehen: gegen Vorurteile andenken
- beginnen über etwas nachzudenken, sich über etwas Gedanken zu machen: ein Projekt andenken
- * denk an; denken Sie an (umgangssprachlich.; Ausdruck der Verwunderung)
ad 1) und ad 3) Das Wort “andenken” in diesen Bedeutungen ist mir nicht geläufig.
ad 2) Der Aufreger für mich!
Dem Duden folgt auch das Österreichische Wörterbuch ab seiner 40. Auflage, 2006: “andenken”: eine neue Vorgehensweise andenken (überlegen, durchzudenken beginnen). Genauso in der jüngst erschienenen 41. Auflage.
Ich bin kein Lehrer und solche Wörter sind schon fast ein Grund auch keiner sein zu wollen. Denn ich dürfte dem Schüler/der Schülerin das Wort nicht rot anzeichnen … obwohl sich mein Adrenalinspiegel beim Lesen des Wortes (in dieser für mich noch immer “neudeutschen” Bedeutung) zweifellos erheblich erhöhen würde.
Damit hier keine Missverständnisse entstehen:
Natürlich verwendet im oben zitierten Beispiel auch Armin Wolf das Wort “andenken” – zumindest laut Duden – ganz korrekt.
Ich verschließe mich auch keineswegs der Dynamik der Sprache. Mit Spannung erwarte ich in meinen Feeds täglich das Wort des Tages (das Duden bereitstellt).
Gestern war es das Wort “einhüten” (besonders norddeutsch): “in jemandes Abwesenheit in dessen Haus[halt] anwesend sein: meine Tochter ist verreist, ich muss deshalb dort/bei ihr einhüten”.
Auch dieses Wort kannte ich nicht, werde aber versuchen es in meinen (passiven und/oder aktiven) Wortschatz aufzunehmen.
Das Wort “einhüten” gefällt mir nämlich … ganz im Gegensatz zu “andenken” in der Bedeutung von “überlegen”. Das klingt mir nämlich etwas zu “andächtig” ;-) .