Der Terrorist

19. August 2010

Vor einigen Tagen pilgerte ich ins Rathaus zu Eisenstadt um mich bei einem netten Herrn, der dort arbeitet, zu bedanken. Dieser war nämlich, einige Sekunden nach meinem kleinen Radunfall vor knapp drei Wochen an einem Sonntag Morgen jenem Autofahrer gefolgt, der mich im Kreisverkehr zuerst abgeschossen hatte und einfach weitergefahren ist.

Beim Betreten des Rathauses traf ich einen lieben, älteren Freund, der sich freute mich zu sehen, mich nach meinem Befinden fragte und ob ich meinen Sommer auch angenehm verbringe.

Und so erzählte ich ihm meine missliche Geschichte und dass ich halt doch ziemlich traurig bin, weil mein erst 10 Tage altes, neues Rad kaputt sei und ich den Sommer jetzt nicht so wie geplant (sportlich) nützen könne …

Und mein lieber Freund hörte sich die Geschichte aufmerksam an und statt mich zu bedauern, kommentierte er sie dann mit der doch etwas erstaunlichen Antwort:

Ja, ich weiß das ja von Wien, die Radfahrer sind echte Terroristen!

Wenn der Mensch denkt …

6. August 2010

ווען דער מענטש טראכט, גאט לאכט

Wenn der Mensch tracht (denkt), Gott lacht.

jiddisches Sprichwort

Erich Kleiber

4. August 2010

Morgen, vor 120 Jahren, am 05. August 1890, wurde Erich Kleiber in Wien geboren.

“Wie kannst du mich fragen, ob ich noch Österreicher bin” hat er 1934 an seine Schwester geschrieben: “Natürlich, man hat mich öfters gefragt, sogar recht offiziell, ob ich mich nicht ‘preußisch’ naturalisieren möchte – meine Antwort: ‘Da würdet Ihr das Beste an mir wegnehmen.’ Das sind so blödsinnige Fabeln über mich, die von ‘wohlwollender Seite’ bereitwilligst über mich verbreitet werden, ebenso, dass ich Mitglied der NSDAP bin, woran ich niemals gedacht hätte – oder ebenso, wie gewisse Kreise in Wien und Berlin mich durchaus und unbedingt zum Juden machen wollten! Ha – Ha – Ha!!”

http://oe1.orf.at/programm/246887

Erich Kleiber, Johann Strauss Sohn, An der schönen blauen Donau, 1932:

Coolness ist relativ

19. Juli 2010

Am Freitag habe ich mir ein neues Fahrrad gekauft. Zugegeben, der Satz klingt entscheidungsfreudiger, als es der Prozess, der dann schlussendlich zur Kaufentscheidung führte, war. Aber dazu vielleicht einmal ein eigener Beitrag.
Und nein, mit sportlichen Ambitionen hat der Kauf auch wenig zu tun, angesagt sind bloß etwas mehr Bewegung und Abnehmen …

Und so sattelte ich heute Vormittag mein neues Rad und nahm mir eine kleine Runde in der Gegend, östlich von Eisenstadt, vor. Rad, Helm, Sonnenbrillen – sah alles ziemlich cool aus, dachte ich zumindest.

Fuhr also los, führte Selbstgespräche, träumte vor mich hin, genoss das Panorama sehr, die Bergaufstrecken weniger, und befand mich nach etwa 45 Minuten plötzlich irgendwo in der Puszta. Keine Beschilderung, keine Menschen, nix. Just in dem Moment, als sich leichte Verzweiflung in mir und beißende Müdigkeit in meinen Oberschenkelmuskeln breit zu machen begannen, tauchten eine ältere Dame und ihr Enkel (meine Interpretation) auf. Beide auf Rädern, beide sorgfältig behelmt, beide ziemlich cool.

Die nette Dame erklärte mir auf meine Frage, wohin denn dieser Weg führt, sehr freundlich, dass dieser nach nirgendwo führt und ich ziemlich viele Kilometer zurückfahren müsse, um wieder auf meine geplante Route zu kommen.

Ich bedankte mich artig, drehte also um und hörte beim Losfahren gerade noch, wie die Dame ihrem Enkel die Situation erklärte:

Schau Basti, der Opa hat sich verfahren und muss jetzt zurückfahren.

I bin der, der was …

15. Juli 2010

Am 12. Juli vor 120 Jahren wurde Anton Kuh geboren.

Anton Kuh, Bildquelle: Cover: Anton Kuh, Zeitgeist im Literatur-Café

Beim Verlassen eines Hotels, in dem man gewohnt, eines Lokals, in dem man geweilt hat, schiebt sich nach der Abfertigung der verschiedenen Personen, die einem Aufmerksamkeiten erwiesen haben und demgemäß honoriert werden wollen, immer ein Unbekannter näher und raunt einem etwas dicht an’s Ohr. Fragt man ihn ungeduldig, was denn los sei, so wiederholt er die Anfangsworte eines Satzes: “I bin der, der was …” (Ergänze: “… das Auto geholt hat”; … “auf das Gepäck während Ihrer Verhandlungen mit dem Portier Acht gegeben hat” usw.) Der, der was – ist der österreichische Zwischenverdiener. Da das Land überwiegend aus Zwischenverdienern besteht, so wundere man sich nicht über ihre Zahl …

Anton Kuh, Zeitgeist im Literatur-Café. Feuilletons, Essays und Publizistik, Wien 1983, 82.

In der Volksschule mussten wir 10 Groschen in eine Klassenkasse zahlen, wenn wir “der, der was … oder die, die was … oder das, das was … ” sagten.

Ich habe meine Volksschullehrerin allerdings unterschätzt, weil ich dachte, sie wollte uns nur richtiges Deutsch beibringen …

Skybird

27. Juni 2010

Für meine gestern so früh verstorbene Schwester Gertrud

Bin i deppert

7. Juni 2010

Sog moi, bin i deppert,
in einer depperten Welt
bin i damisch in mein Hirn,
sagt mir keiner, was mir fehlt?

Sog moi, bin i schizophren,
hots mir des Hirn varrissn,
bin i superschlau,
oder wer’ i nur beschissen?

Stimmt denn mein Bewußtsein,
oder ist es zwiegespalten?
Bin i krank, oder bin ich vergiftet wordn,
vielleicht von meiner Alten?

Mein Buckel ist krumm, mein Schritt ist schlurf,
wos ist des für a Figur?
Gehöre ich in die Politik
oder mehr in die Kultur?

Neben mir sitzt wer mit an blauen Gsicht,
sauft Bier und manchmoi singt er,
er kriegt Befehle aus dem All,
stimmt des oder spinnt der?
Er sogt, er hot den Hitler gsehng, doch er sogt mir net den Ort,
außer wenn i eahm auf drei, vier Rundn Schnaps einlod.

Sog, wos hob i für a Gsicht,
des is ja vogelwuid,
doch do konn i nix dafür,
do is mei Zahnarzt schuid.

Aber heute, da ist Frohsinn Trumpf, deutsch ist der Humor,
trinken Sie und lachen Sie, dann krieg’n sie kein’ Tumor.

Aber heute, da ist Frohsinn Trumpf, Amüs’ment ist Pflicht,
auch wenn Sie sich beschissen fühlen, zeigen Sie es nicht.

Fragen eines lesenden Arbeiters

31. Mai 2010

… so viele Berichte,
so viele Fragen …

An die Nachgeborenen

22. Mai 2010

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.
Das arglose Wort ist töricht,
eine glatte Stirn deutet auf Unempflindlichket hin.
Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen …

Ein seltenes, sehr wertvolles Tondokument.

Autorenlesung. Rezitation: Bertolt Brecht (Aufnahme 1953)

Die Favoritin des Papstes

10. Mai 2010

Mit einem Tag Verspätung sei kurz an ein bedeutendes Ereignis vor genau 520 Jahren erinnert ;):

Am 09. Mai 1490 heiratet nämlich Giulia Farnese den “Einäugigen” Orso Orsini. Im Frühjahr 1492 bringt sie eine Tochter, Laura, zur Welt, deren Vater nicht Orsini, sondern Kardinal Rodrigo Borgia war. Am 06. August wird er, 61 Jahre alt, zum Papst gewählt und nennt sich Alexander VI.

Giulia Farnese, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Giulia_Farnese

Ich ging ins Haus bei Santa Maria in Portico, um Madonna Giulia zu besuchen, die ich antraf, wie sie sich den Kopf wusch, und sie war in Gesellschaft der Madonna Lucrezia (i.e. Lucrezia Borgia, Tochter von Kardinal Rodrigo Borgia und Vannozza Cattanei, Anm.d.V.) und sie saßen beim Feuer. Madonna Giulia, stärker geworden, ist jetzt von besonderer Schönheit. In meiner Anwesenheit öffnete sie sich das Haar und ließ sich Haare und Kopf schmücken und die Haare reichten ihr bis zu den Füßen und schließlich nahm sie eine Haube aus Leinwand und eine Art Netz, zart wie Rauch, mit Gold bestickt, dass es aussah wie eine Sonne.

Lorenzo Pucci, ein Verwandter, beschreibt ihre Körperpflege, in: Massimo Grillandi, Lucrezia Borgia, Düsseldorf 1991, S. 70

Wir wissen nicht, ob Giulia Alexander wirklich geliebt hat oder ob sie aus Berechnung seine Geliebte war, in einem venezianischen Brief lesen wir über sie:

Die Favoritin des Papstes, ein junges Weib von großer Schönheit, von Verstand, Klugheit und Sanftmut.

Ferdinand Gregorovius, Lucrezia Borgia, Stuttgart 1871, Ausgabe München 1982, S. 74

Am 19. August 1503 stirbt Papst Alexander VI., 1505 heiratet Tochter Laura einen Neffen des amtierenden Papstes, Julius II.
Ende 1506 heiratet Giulia noch einmal, und zwar Giovanni Capece Bozzato, den sie vor Jahren bei der Eheschließung des Papstsohnes Jofré Borgia kennen gelernt hatte. In ihrem Haus sind häufig ihre Nichten und Neffen zu Gast, die Kinder ihres Bruders, Kardinal Alexander Farnese.

Giulia Farnese stirbt am 20. März 1524, ihr Bruder Alexander besteigt 1534, 67-jährig, den Papstthron als Paul III. und wird im Pfaffenspiegel (1845) als einer der liederlichsten Päpste bezeichnet.

In zwei Tagen, vor 475 Jahren, am 12. Mai 1535, erhielt der Sohn von Constanza Farnese, Guido Ascanio, den Galero, den großen flachen Kardinalshut, aus den Händen seines päpstlichen Großvaters …

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