Geburtstag

1. November 2011

Allerheiligen 2011, morgens um 7 Uhr

Wo du auch schnupperst, es stinkt, der Geruch des Niedergangs, dein eigener Hauch der Verwesung, das ist alles nicht mehr zu ertragen. Du beginnst abzubauen, dein Körper zerfällt, deine Kräfte schwinden, deine Intelligenz hat ihren Höhepunkt erreicht. Alles schwächelt, alles lässt nach, es geht nur noch abwärts. Du läufst nicht mehr so schnell wie früher, du kannst dir nichts mehr merken, nicht einmal eine einfache Telefonnummer, die ersten Freunde sind schon weggestorben, du bekommst Falten, matte Haare und einen laschen Gesichtsausdruck. Du spürst es am eigenen Leib, wie jeden Tag Millionen Körperzellen kaputtgehen, du hast das lebenswerte Leben hinter dir: du bist zwanzig.

Jörg Maurer, Hochsaison, Berlin 52010, 227

Na dann, trotzdem noch alles Gute lieber typhaeus! ;-)

Als ich das Schreiben verlernte …

22. September 2011

Immer wieder werde ich nervös, aber auch ein wenig traurig, wenn ich Menschen beobachte, die z.B. ewig brauchen, bis sie ein ganz einfaches Formular ausgefüllt haben oder ihren Namen und Adresse aufschreiben sollen.
Ich bin in diesem Momenten immer sehr dankbar, dass mir meine Eltern eine gute Schulausbildung ermöglicht haben und erinnere mich deutlich an die Ermahnungen meiner Mutter schon in Volksschulzeiten, nicht nur richtig, sondern auch schön zu schreiben. Außerdem hatte ich immer ein Faible für schöne Schriften und bewundere seit jeher insbesondere elgegante Handschriften. Wie oft saß ich als Kind zu Hause und übte mich im Schönschreiben, besonders faszinierte mich damals die Kurrentschrift und die wie gestochen geschriebenen Hefte und Tagebücher meiner Großmutter waren mir Vorbild, dem ich nachzueifern versuchte. Ich übte leidenschaftlich.

Umso größer der Schock, was ich seit geraumer Zeit bei mir selbst feststelle, jedoch eine Zeit lang immer wieder halbwegs erfolgreich verdrängen konnte, zumindest bis jetzt:

Ich habe das Schreiben verlernt.

Etwas genauer: Ich meine nicht das Tippen von Texten auf mechanischen oder elektronischen Geräten, ich bin so gut wie nicht (mehr) imstande, einen einfachen Text (eine Zeile Notiz oder gar ein Gedicht o.Ä.) mit der Hand zu schreiben! Abgesehen von jedweden kalligrafischen Ansprüchen, es gelingt mir nicht einmal mehr, etwas so aufzuschreiben, dass ich es auch nur Stunden später noch lesen kann. Und noch viel schlimmer: Ich bemerkte nämlich, wie mir das Schreiben mit Bleistift oder Kugelschreiber zunehmend Mühe machte, mich regelrecht physisch anstrengte und ich es daher immer mehr zu vermeiden suchte.

Die Ursachenforschung war einfach, hier nur in Stichworten: Das Durchlaufen und doch auch Beherrschen der jeweiligen technischen Errungenschaften, von der sehnenscheidenentzündungsfördernden mechanischen Schreibmaschine zu einer mit Kugelkopf, hin zur elektrischen Schreimaschine und endlich zum wunderbaren Psion (in eleganter Holzausführung!) – ich hatte immer das Neueste und daher den Eindruck, immer nahe am Puls der Zeit zu leben. Das machte mich sehr zufrieden, gab mir sogar ein gewisses Überlegenheitsgefühl. Ich belächelte jene, die “noch immer” ihre Notizen auf einen Zettel schrieben, ihren Kalender im guten alten Filofax verwalteten (übrigens eine Errungenschaft, die ich komplett übersprungen bin; alle im Laufe der Jahre geschenkten Filofaxe sind bis zum heutigen Tag nicht einmal ihrer Cellophanhülle entledigt).

Olympia-Schreimaschine

Schon beim Studium hab ich nie mit der Hand mitgeschrieben, das Schreiben also begonnen sukzessive zu verlernen, habe mir lange Zeit mit (damals noch) Maschineschreiben mein Studium finanziert, später und bis heute fiel und fällt die Entscheidung immer auf Handys mit Tastatur und schon sehr früh habe ich mir angewöhnt, auch Exzerpte etc. nicht auf einem Zettel, sondern immer gleich am PC oder am Handy zu schreiben. Ob mit Textverarbeitungsprogramm, Editor oder, in praxi, meist gleich online.
Hat ja bekanntlich auch viele Vorteile: Ich tippe sehr schnell, blind und natürlich im Zehnfingersystem, Zettel kann man leicht verlieren, Maschinschrift ist immer deutlich zu lesen, Korrekturen sind simpel usw., das muss nicht weiter ausgeführt werden.
Etwa 30 Jahre zogen ins Land, ich träumte vom papierlosen Büro und ortete keine Probleme.

  • Mein Psion
  • Mein Psion


Aber es gibt sie: Als ich dieser Tage in einem Geschäft meinen Namen und meine Adresse aufschreiben sollte (wegen der hundertXten Kundenkarte) und die freundliche Verkäuferin mir Formular und Stift reichte, spürte ich erst einen Widerstand, schrieb aber dann, da kaum ein weniger peinlicher Ausweg in Sicht, sehr bemüht und genierte mich danach ziemlich. Die Schrift war hässlich, nahezu unästhetisch und eigentlich eine Zumutung. Es reichte.

Und ich beschloss umgehend an meinem mittlerweile veritablen Problem zu arbeiten. Ich werde also wieder beginnen mit der Hand zu schreiben!
Noch keine Ahnung was, aber es wird mir schon etwas einfallen: Gedanken, Gedichte, Notizen?
Worauf? Ein simpler Block oder ein Notizheft schienen mir irgendwie zu primitiv für mein subjektiv empfunden großes Vorhaben, instinktiv spürte ich, dass ein Neuanfang nur mit entsprechend großer Lust am Schreiben zu bewältigen wäre und nahm mir daher Zeit, ein geeignetes Objekt zu suchen. Ich hatte keine konkreten Vorstellungen, ließ mich überraschen und pilgerte in die nächste Papierhandlung.

Eine neue Erfahrung, obwohl ich Papiergeschäfte eigentlich sehr liebe: diese Mischung von Erinnerungen an die ersten Schultage, als die Welt noch heil war oder zumindest schien, das Natürliche und Erdige der Hefte und Blöcke, der angenehme, fast anheimelnde Geruch der Farben, die oft so liebevoll angeordneten dezent-bunten Arrangements der Schreibutensilien.

Ich suchte also ein Büchlein. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wann ich das letzte Mal in einer Papierhandlung war, um nicht nur zu riechen und optisch zu genießen, sondern auch zu kaufen. Die Moleskine-Notizbücher, von denen es eine riesige Auswahl gab, fand ich jedenfalls zu gewöhnlich. Dann fand ich mein Büchlein.

Mein Büchlein ist sehr klein und sehr hübsch und ich kann es immer leicht mitnehmen, ein Lesezeichen mit Pfiff sowie ein Magnetverschluss (!) vermitteln fast den Hauch von Hi Tech ;-) Außerdem gibt es auf der Innenseite des hinteren Deckblatts eine schön gearbeitete Lasche, wozu auch immer.

  • Mein Büchlein
  • Mein Büchlein


Wahrscheinlich wäre es intelligenter gewesen, ein Heft mit Zeilen zu kaufen, aber das hätte die Ästhetik dieses kleinen Wunderdings zu sehr gestört. Irgendwie wird das schon klappen, hoffe ich …

Als ich dann – mehr zum Test und um einen Anfang zu setzen -, mit einem ordinären blauen Kugelschreiber meinen ersten Eintrag gemacht hatte, beschämte mich das Ergebnis. Die erste Seite des hübschen Büchleins war sogleich verschandelt, wie schade.

Obwohl ich es selbst nicht wirklich glaubte, gab ich dem Kugelschreiber die Schuld und fuhr flugs nochmals ins Geschäft, um mir einen Stift zu kaufen (obwohl ich vermutlich irgendwo Hundertschaften davon herumliegen haben). Und wurde wieder fündig, ein Glückstag!
Feder und Tinte hatte ich tatsächlich kurz überlegt, schienen mir dann aber für mein Vorhaben viel zu kompliziert, hätten mich auch sicher überfordert. Die Entscheidung fiel schließlich auf ein deutsches Produkt, einen sehr weichen Kugelschreiber mit “Viscoglide-Technology”. Auch der Name des Stifts klingt ein wenig technisch “Slider XB” – vielleicht fast schon zu viel für mein technikfreies Unternehmen ;-)

Das alles ist einige Tage her … es gibt noch immer keinen zweiten Eintrag. Weil ich mich nämlich nicht zwischen dem Hi-tech-Stift (um EUR 1.35) in Schwarz und jenem in Orange (sowohl Stift als auch Schrift) entscheiden konnte und beide kaufte. Und nun schon den 4. Tag überlege, mit welcher Farbe ich mein hübsches Büchlein zu füllen versuche …

… da wurde mir wieder weit ums Herz, …

1. August 2011

Printwerbung für die Sonderausstellung 2011 im Komponierhäuschen Mahlers

Sonderausstellung zum 100. Todestag von Gustav Mahler (1860 – 1911) – so lockt die Werbung ins Komponierhäuschen Mahlers am Wörthersee vom 1. Mai bis 31. Oktober 2011.

Und gleich vorweg: Was immer BesucherInnen von heutigen, mit zeitgemäßen museumsdikatischen Mitteln umgesetzten und modernster Präsentationstechnik ausgestatteten Sonder- und Schwerpunktausstellungen erwarten, die Ausstellung im Komponierhäuschen Mahlers erfüllt glücklicherweise (!) keine einzige dieser Erwartungen! Im Gegenteil: Vom Parkplatz in Maiernigg gelange ich in knapp 10 Minuten zu Fuß (Autofahren verboten) über einen ma(h)lerischen, relativ steil bergan laufenden Weg durch einen dichten und satten Mischwald zum Komponierhäuschen.

Und noch vor dem Betreten des Häuschens bin ich vollkommen gefangen von der unendlichen Schönheit und Stille dieses Ortes und ich verstehe ganz Mahlers Ausspruch, den ich auch für den Titel dieses Beitrags lieh:

… da wurde mir wieder weit ums Herz, …

Mahlers 'Study', sein Komponierhäuschen

Den Eintrittspreis, der so gering ist, dass er eher als symbolisch zu bezeichnen ist, kassiert ein ausgesprochen freundlicher Herr, der auch sogleich anbietet, Musik von Mahler einzuschalten, was ich jedoch ebenso freundlich ablehne. Hier würde nur Mahler selbst am Klavier dem Ort gerecht werden können und die Musik Mahlers ist hier gewissermaßen ohnehin zu hören, auch ohne Stereoanlage. Der Herr weist mich auch eindrücklich auf die Sonderausstellung hin, oder genau genommen, auf das mehr oder weniger einzige Objekt dieser Sonderausstellung: die von Anton Sandig 1911 in Gips abgenommene Totenmaske Mahlers, die sich sonst im Wienmuseum befindet. Anton Sandig, so wurde mir erklärt, war ein Architekt.

  • Totenmaske Mahlers
  • Totenmaske Mahlers


Und tatsächlich: durch das Fenster hinter der in einer einfachen Vitrine eindrucksvoll präsentierten Totenmaske schimmert das blaue Wasser des Wörthersees, den Mahler intensiv als Schwimmer (das war lange vor der Zeit des Ironman Klagenfurt ;), kaum jemand ging damals schwimmen) und im Boot nützte.

Alfred Roller – als Maler und Bühnenbildner Mitarbeiter und Mitreformer an der Hofoper – erinnerte sich daran:

Sein Bad begann gewöhnlich mit einem mächtigen Kopfsprung. Dann schwamm er lange unter dem Wasser und weit draußen im See kam er erst wieder zum Vorschein, sich behaglich wälzend wie eine Robbe. Mit Mahler gemeinsam zu rudern, war kein Vergnügen. Er hatte einen sehr kräftigen Streich und einen viel zu schnellen Schlag. Aber seine Kraft befähigte ihn, diese Anstrengungen auszuhalten. [1].

Die Fahrt über den See inspirierte den während der Arbeit an seiner Siebten Sinfonie verzweifelt um Ideen ringenden Komponisten im Sommer 1905.

“Beim ersten Ruderschlag fiel mir das Thema (oder mehr der Rhythmus und die Art) der Einleitung zum 1. Satze ein …”
schrieb Mahler an seine Frau Alma [2].

Obwohl ich mich in dem kleinen Raum länger und (natürlich zufällig) alleine aufhalten darf, betreten die nächsten BesucherInnen, die mit ihren Mountainbikes ankommen, das Haus erst, als ich es bereits verlasse. Eine Zeit lang grüble ich noch, wie der freundliche Herr, der sich übrigens über Mahler bestinformiert zeigte, das Problem lösen würde, wenn mehrere Gäste den Raum betreten und verschiedene Musikwünsche äußern würden? – ein jeweils individuelles “Best Of” Mahlers? ;)

Ich bin weder Musikwissenschaftler noch ein besonderer Musik- oder gar Mahlerkenner, aber ich freue mich, dass die Zeit hier stehengeblieben zu sein schien. Und ich kann nach dem Besuch dieses faszinierenden Ensembles Mahler und seine Musik vielleicht doch ein klein wenig besser verstehen … Sonderausstellung hin und Totenmaske her, das Komponierhäuschen ist für mich ein Pflichtbesuch auch beim nächsten Kärntenaufenthalt.

Der Entschluss Mahlers, sich am Wörthersee (in Maiernigg) eine Sommerresidenz zu bauen, hängt mit der Entstehungsgeschichte seiner IV. Symphonie zusammen. Mahler sah die Ausführung der Symphonie gefährdet, deren erste musikalische Gedanken zwar vorlagen, der dichte Terminplan aber keinerlei Ausarbeitung zuließ. Mahler befürchtete sogar, dass seine künstlerische Schaffenskraft zum Erliegen gekommen war und sehnte sich mehr denn je nach Refugium in der Stille der Natur. Während er seine direkt am See gelegene Villa bewohnte, nutzte er das Komponierhäuschen ausschließlich für ungestörtes Arbeiten. Zum Komponieren brauchte er Stille und unmittelbaren Kontakt mit der Natur. 1899 wurde der Kaufvertrag über das Seegrundstück geschlossen, im Sommer 1900 war das Häuschen im Wald fertig. (Es war dies das 2. Häuschen nach jenem am Attersee. Das 3. und letzte Komponierhäuschen ließ Mahler für die Sommermonate 1908 bis 1910 in Toblach in Südtirol bauen). Mahler selbst nannte das Häuschen sein “Study” und sich selbst in einem Gespräch mit Richard Strauss einen Sommerkomponisten [3]..

Tatsache ist, dass Mahler in den Kärntner Jahren ein Riesenpensum schaffte.
Vier Sinfonien und bedeutende Liederzyklen wie die Kindertotenlieder entstanden in der “splendid isolation” [4]..

Der Wunsch nach Ruhe zum Komponieren nahm nahezu eigentümliche Ausmaße an. So berichtet seine Frau Alma:

Mahlers Lebensweise war in den ganzen sechs Jahren die gleiche. Er stand im Sommer jeden Tag um sechs, halb sieben Uhr auf. Im Moment, wo er erwachte, läutete er nach der Köchin, die sofort das Frühstück fertigstellte und es auf glattem, steilem Weg in sein Arbeitshaus hinauftrug. Dieses lag mitten im Wald, etwa sechzig Meter höher als die Villa (am See, Anm.) die Köchin durfte den regulären Weg nicht gehen, weil er ihren und überhaupt niemandes Anblick vor der Arbeit ertragen konnte, und so musste sie jeden Morgen einen schlüpfrigen Kletterweg mit allem Geschirr hinaufsteigen. Das Frühstück bestand aus frischem Kaffee, Butter, Grahambrot und Jam … Das Haus selbst war nichts als ein großes gemauertes Zimmer mit drei Fenstern und der Eingangstür. Ich fühlte, dass dieses Haus ihm nicht gesund war, weil es zu tief im Walde steckte und nicht unterkellert war. Ich konnte aber nichts tun, um ihn an diesem Aufenthalt zu hindern, da er ihn so liebte.

Im Zimmer stand ein Flügel und auf den Regalen ein vollständiger Goethe und Kant. Außerdem an Noten nur Bach [5]..

Wie sehr die geniale Fantastin Alma die Buchausgaben wirklich sah oder nur sehen wollte, entzieht sich unserer Kenntnis, ist aber auch völlig unerheblich. Ein Kollege aus Mahlers Zeit als Kapellmeister in Laibach, der den berühmten Hofoperndirektor in seiner Komponiereinschicht besuchte, sah jedenfalls nichts von Noten und Büchern, nur eine knapp auf das Notwendige beschränkte Einrichtung, Tisch, Sessel, Kanapee für kurze Rast [6]..

1904 vollendete Mahler seine VI. Symphonie in Maiernigg, seine Frau Alma war mit ihren zwei Kindern zu ihm nach Kärnten gezogen und zu den 1900 geschriebenen Kindertotenliedern 1, 3 und 4 fügte er nun noch das 2. und 5. dazu. Alma erschrak:

Ich habe damals sofort gesagt: Um Gottes willen, du malst den Teufel an die Wand! [7].

1907 brachte den schrecklichen Absturz, die Lebenswende: im Frühjahr trat Mahler – nach Intrigen gegen ihn (u.a. eine Pressekampagne mit antisemitischen Untertönen) – als Hofoperndirektor zurück, seine ältere Tochter Marie Anna starb nach schwerem Leiden mit viereinhalb Jahren am 12. Juli an Scharlach mit diphterieartigen Symptomen. Mahler selbst wurde ein Herzleiden diagnostiziert. Er “flüchtete” Hals über Kopf erst nach Wien und reiste dann nach Amerika; an den Wörthersee kehrte er, soweit bekannt, nie mehr zurück.

Marie Anna wurde am folgenden Tag am nahegelegenen Friedhof Keutschach begraben und später auf den Friedhof Wien Grinzing überführt.

Der kleine Ort Keutschach hat zwei Friedhöfe, einen rund um die Kirche und einen neuen Friedhof etwas unterhalb an der Straße.

Der aufgelassene Friedhof in Keutschach

Während wir auf dem aufgelassenen Friedhof der Pfarrkirche hochinteressante und gar bemerkenswerte frühmittelalterliche Grabplatten finden, konnte ich auf beiden Friedhöfen trotz intensiver Suche keine Spuren von Marie Mahler entdecken …,
was mich dann doch ein wenig traurig machte.

Gustav Mahler: Kindertotenlieder:
Nr. 3 “Wenn dein Mütterlein tritt zur Tür herein” und
Nr. 4 “Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen”
Thomas Quasthoff, Bariton

Mehr Informationen zum Komponierhäuschen sowie Bildimpressionen: gustav-mahler.at. Tipp: Genießen Sie auch das auf der Website eingebundene Video “Mahler in Maiernigg”.


[1] Siehe Erich Wolfgang Partsch, Gustav Mahler in Klagenfurt, Klagenfurt o.J. [Zurück zum Text (1)].

[2] Mahler Contemporary Festival, in: Die Brücke, Nur 108, Juni 10, Klagenfurt, 30 [Zurück zum Text (2)].

[3] S. Erich Wolfgang Partsch a.a.o. und Alexander Widner, Mahlers Hütte, Die Brücke, Nur 108, Juni 10, Klagenfurt, 28f [Zurück zum Text (3)].

[4] Mahler Contemporary Festival, a.a.O. [Zurück zum Text (4)].

[5] Gustav Mahler am Wörthersee. Dokumente, Berichte, Photographien zum Leben und Schaffen des Komponisten, Klagenfurt o.J., 10f [Zurück zum Text (5)].

[6] S. Alexander Widner, a.a.O. [Zurück zum Text (6)].

[7] Gustav Mahler am Wörthersee, a.a.O., 8 [Zurück zum Text (7)].

Anti-Alkohol-Spot

17. Juli 2011

Oder vielmehr: Das Drehbuch zu einem solchen ;)

Mein allmorgendlicher Fixpunkt ist eine Laufrunde mit meinen beiden pelzigen Freunden. Meist absolvieren wir diese im Wald und genießen die freundlich aufgeregten Willkommensrufe der gefiederten Waldbewohner. Die Morgen beginnen also im sonst so stillen und fast ein wenig unheimlichen Wald mit Konzerten, die schon einen Gustav Mahler fasziniert und inspiriert haben (z.B. in seiner ersten Sinfonie in D-Dur).

Nur manchmal, wenn ich zu müd bin oder Laufpause angesagt ist, fahren wir auf die nahegelegenen Felder und ziehen dort gemächlich unsere Kreise, argwöhnisch beäugt von Hasen, Rehen und Füchsen.

Und genau so begann ein zunächst unspektakulärer Tag vor wenigen Wochen. Die Pelzigen gingen – wie dort ausnahmslos immer – brav an der Leine. Schlecht geschlafen und aufkommender Föhnwind sorgten dafür, dass wir an diesem Morgen ganz besonders gemütlich unterwegs waren.

Unsere Runde läuft entlang dreier Bäche zwischen Feldern, die sich chamäleonartig verändern im Jahreszyklus. Derzeit dominieren die Sonnenblumen. Daher parken wir das Auto immer im Osten unserer streng quadratisch angelegten Runde, um als erstes wie die Sonne von den fröhlichen Gesichtern der Sonnenblumen begrüßt zu werden. Kein Asphalt, keine Autos, außer gelegentliche Jogger oder Bauern mit ihren Traktoren und Pfluggeräten nur wohltuende Ruhe und (meist) Wind …

Die freundlichen Sonnenblumen

Bis auf eine Ausnahme: Ein einziger Weg in dieser achterartigen Doppelrunde wird von Autofahrern in der Früh gern benutzt als “Abschneider”, also als Abkürzung, wenn auf der nahegelegenen Bundesstraße wieder einmal der tägliche Morgenstau frustriert. Vorweg: Es gibt sie tatsächlich, die rücksichtsvollen AutofahrerInnen, die den Sandweg vorsichtig und langsam befahren, insbesondere dann, wenn sie z.B. uns begegnen. Aber es gibt auch die anderen und ein solcher kam uns am besagten Tag auf besagtem Weg entgegen. Es war 06.30h.

Und dieser Andere verminderte sein recht hohes Tempo kaum bzw. gar nicht, wich aber immerhin einige Zentimeter nach rechts aus. Ich wiederum drückte mich und meine beiden Begleiter weiter ins Feld nach links, um entsprechenden Abstand zum Auto halten zu können. Eine riesige Staubwolke folgte seinem Auto und blieb schwer über dem Weg hängen.

Da ich mich doch wieder einmal wunderte und mich auch – zugegeben – ärgerte, schaute ich dem Auto nach und schüttelte den Kopf, eine gar nicht wirklich bewusst gesetzte Reaktion. Aber genau das war offensichtlich schon des Bösen zu viel. Denn plötzlich bremste der Autofahrer (er muss also sehr penibel seinen Rückspiegel konsultiert haben) und schob wild zurück, bis er auf unserer Höhe, sprich auf Augenhöhe mit meinen Pelzigen, angelangt war. Kurbelte das Fenster runter und begann sofort (!) zu schreien. Nein das wäre zu freundlich formuliert, er begann zu brüllen und bedachte mich mit zumindest aus seiner Sicht wenig schmeichelhaften, aber eigentlich sehr phantasievollen und recht lustigen Tiergattungsnamen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich trotz der etwas stressigen Situation in aller Herrgottsfrühe fragte, warum er ausgerechnet diese Tiere wählte … Neben ihm saß (s)eine Frau, die – und das amüsierte mich doch ein wenig – die ganze Zeit keinen Ton von sich gab, aber permanent lächelte und wie ein Wackeldackel ständig, fast roboterhaft, ihren Kopf hin und her wiegte, bloß, dass sich ihr Kopf im Unterschied zum Wackeldackel nur horizontal bewegte. Schien, als wären ihr Tonfall und Wortwahl ihres Begleiters (Ehemanns?) sehr vertraut.

Als ich eine kurze Luftholpause des Cholerikers (mir dämmerte langsam, dass das Temperament nicht der alleinige Grund für diese seine bedauernswerte Performance sein kann?) nutzte, um ihn darauf hinzuweisen, dass er bloß ein wenig rücksichtsvoller hätte fahren können, war seine ohnehin überraschend niedrige Reizschwelle offenbar endgültig überschritten. Er drohte nahezu zu explodieren, hüpfte regelrecht, wenn auch etwas schwerfällig, auf seinem Fahrersitz auf und ab, krallte sich mit der rechten Hand am Lenkrad fest (dadurch konnte er seinen behäbigen Körper besser nach rechts, nämlich zu uns, drehen – und natürlich der Dame noch lauter ins Ohr schreien) und ich konnte beobachten wie er mit der linken Hand immer wieder zum Türgriff langte und wohl überlegte, ob er nicht doch aussteigen solle. Glück (für wen eigentlich?) gehabt, denn das tat er dann doch nicht, den Grund dafür ahnte ich auch sogleich …

Doch erst kam erwartungsgemäß noch das Übliche: seine Stimme überschlug sich nahezu und er grunzte, dass er nämlich auch Bauer und Jäger sei und für diesen Feldweg zahle! Na dann ;)

Ich erklärte ihm jedenfalls, dass auf diesem Feldweg selbstverständlich jeder gehen, laufen und auch fahren darf, ein Widerspruch, der ihn aber nun final erregte. Jetzt tobte er von Neuem los, das Auto schaukelte schon gefährlich und er brüllte

Du traust dich das ja nur, weil du diese beiden ‘Kälber’ (sic!) mithast.

Also die nächste lustige Tierassoziation. Das mich ebenfalls überraschende vertraute “Du” verwendete er übrigens auch schon vorher bei der Tiergattungsbenamsung und na ja, die beiden “Kälber” saßen brav, wenn auch sehr aufmerksam links und rechts von mir und röchelten leider noch immer ein wenig, weil sich die Staubwolke noch nicht ganz verzogen hatte.

Paris und Bel Ami auf dem Weg des Geschehens

Naheliegenderweise fragte ich ihn, was ich mich denn überhaupt getraut hätte (ich fühlte mich alles Mögliche, aber sicher nicht sonderlich mutig), worauf die Situation blitzartig eskalierte, oder genau genommen, eigentlich de-eskalierte. Denn die Dame an des Schreiers Seite (sie schien tatsächlich noch Schlimmeres zu befürchten) bewegte plötzlich erstmals nicht nur ihren Kopf, sondern legte ihren linken Arm auf seine rechte Hand am Lenkrad und schloss mit der rechten Hand das Autofenster und dann brausten sie davon, nicht ohne eine neuerliche Staubwolke zu produzieren …
Aber vielleicht war auch alles ganz anders und die Dame hatte nur schon erste Taubheitssymptome in ihrem linken Ohr?

Im Davonfahren konnte ich die prominent angebrachte Aufschrift auf dem Auto auch deutlich lesen und manch in den vergangen Minuten langsam aufkeimender Verdacht begann sich nun zu erhärten:

Weingut F.* (mit Adresse)

Und während ich noch kurz der versäumten Gelegenheit nachtrauerte, ein lustiges YouTube-Video des eben Erlebten produziert zu haben (ich hatte leider mein Handy im Auto gelassen), setzten wir ganz entspannt unseren Spaziergang fort – und mir schien, als würden uns die Klänge der Symphonie Nr. 1 in D-Dur von Gustav Mahler begleiten …

*) Selbstverständlich wurde der Name bzw. die Initiale des Namens des Weinguts hier verändert, denn schließlich sind meine beiden einzigen Zeugen für das geschilderte Erlebnis bloß zwei Doggen ;)

Kritik

5. Juli 2011

Der Mistkäfer, habe ich bei Jean-Henri Fabre gelesen, versteckt seine Mistkugel unterirdisch, an der er zwei Wochen ununterbrochen frisst, während er das Verdaute als Humus ununterbrochen auskackt. Das ist die Rolle des Kritikers – er produziert den Nährboden dessen, was wachsen wird. Indem er in rasendem Tempo sortiert – die guten ins Kröpfchen -, beweist er, dass es doch geht, dass man kunstkritisch fressen kann, was man kulturkritisch für unverdaubar erklärt hatte. Wir Mistkäfer widerlegen uns selbst bis zur Erschöpfung. Das naheliegende Ziel wäre, Kunst zu finden, die den Interpreten braucht, und das fernere, Kunst zu finden, die sich selbst genügt. Sagen wir, ein Kabinett der Reflexion: memento mori; Brunnen des Lebens; der Zyklus des Jahres. Miniaturen als Allegorien in der platonischen Höhle. Ein weißer Raum als Themenpark. Alltag und Universum als polare Gewichte.

Ulf Erdmann Ziegler, in die taz 24. 06. 2011

Gefunden bei Gottfried Fliedl “museologien”!

PS: Im hiesigen Blog sozusagen ein Pflichtbeitrag ;)

Das Frühstücksei

2. Juni 2011

Eigentlich sollte heute hier ein anderer Bericht zu lesen sein, aber die Geschichte beginnt schon ein wenig früher:

Denn genau genommen war schon der Kauf meines neuen Rads im Juli 2010 weniger eine sportliche als eine – zumindest auch – philosophische Frage. Denn es vergingen viele Wochen, bis ich mich entscheiden konnte, ob ich einen Teil meiner damals geplanten sportlichen Zukunft

  • auf einem Straßenrennrad
  • auf einem Mountainbike oder
  • auf “goldenen Mitte”, nämlich einem Crossrad

verbringen wollte. Ein (für Außenstehende) scheinbar banales Problemchen, denn es ging ja noch gar nicht um Marken oder Qualitäten, sondern um viel Grundsätzlicheres.

Damals lief im TV irgendein billiger Unterhaltungsfilm, in dem die Dame den – offensichtlich privat wenig entscheidungsfreudigen – Herrn fragt, ob er zum Frühstück ein hartes oder weiches Ei wolle. Und seine Antwort war: “nicht zu hart und nicht zu weich”. Sie darauf: “Typisch, hab ich nicht anders erwartet” … (aus der Erinnerung zitiert).

Nun, in der Tat, machte mir ausgerechnet diese Frühstückseigeschichte doch ziemlich zu schaffen beim Kauf des Rades und ich fühlte mich plötzlich entscheidungsunfähig und dementsprechend unglücklich. Denn ich stellte mir vor, dass ich sowohl gern schnell auf der Straße fahren würde und nicht minder gern auch im Gelände unterwegs wäre. Zwei Räder kamen aus mehreren Gründen nicht in Frage (v.a. auch, weil sie das eigentliche Problem ja nicht gelöst hätten) und sowohl auf der Straße als auch im Gelände jedesmal unglücklich sein wollte ich halt auch nicht.

Die Zeit verging und ich überlegte, dachte, visualisierte und unterhielt mich schließlich mit meinem Freund, dem Philosophen. Dem war zwar mein Rad ziemlich egal, er argumentierte aber für mich überraschend, dass die “goldene Mitte” ohnehin zu Unrecht ihren schlechten Ruf hätte, sondern, im Gegenteil, meist die klügste und nachhaltigste Lösung wäre. Und wir diskutierten in dem Zusammenhang (nota bene: der geplante Kauf eines Fahrrads!) über das kategorische Denken Kants, unser diesbezüglich westliches kantsche Erbe und waren irgendwann bei Amos Oz angelangt:

Wo jemand recht hat, werden im nächsten Jahr keine Blumen blühen

sowie bei der Erkenntnis, dass extreme Positionen ohnehin die Gefahr der Intoleranz in sich bergen (zumindest auf politischer Ebene) und dass kategorische Entscheidungen (also im gegenständlichen sehr simplen Fall “Rennrad” oder “Mountainbike”) nicht unbedingt schlecht sein müssen, aber mögicherweise umschlagen könnten von lebensförderlich in lebensfeindlich.

Schließlich einigten wir uns darauf, dass kategorische Entscheidungen letztlich vielleicht sogar eher lebensfeindlich sind, während der meist als schwamming, unentschieden und als nicht entscheidungsfreudig denunzierte Mittelweg vielleicht der eigentlich lebensförderliche ist?

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich kaufte kurz darauf ein Cross-Rad (und von sportlicher Zukunft, auf welchem Rad auch immer, kann aus heutiger Sicht gar keine Rede sein).

Der 'goldene Mittelweg'

Mein “goldener Mittelweg”

… to be continued …

Multitasking – Euphemie für Burnout

11. Januar 2011

Geneigte Leserinnen und Leser dieses Blogs, des Blogs meiner pelzigen Freunde oder auch meines dienstlichen Blogs kennen Carmen. Sie ist mittlerweile 5 Jahre alt und stolz darauf, vor allem weil sie nicht nur endlich in die “große” Gruppe im Kindergarten geht, sondern auch schon freudig (wie bemerkenswert!) der Schule entgegenfiebert.

Carmen schreibt für Oma nette Briefe, zählt von 10 zurück und bis 100 nach vorne, kennt alle Buchstaben und kann das ABC fehlerlos aufsagen, zeichnet gerne, gut und viel, singt und tanzt leidenschaftlich, spricht viel und laut und vor allem aber auch verständlich, hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe und ist schon ein wenig eitel (Prinzessin), quicklebendig und sportlich.

Und vor allem: Carmen ist sehr gesellig und freundlich, (fast) immer sehr lustig und sehr fröhlich und sie tut (wohl nicht nur) mir sehr gut, wenn sie auftaucht in Zeiten, in denen meinereiner weniger gut drauf ist.
Für unseren Zusammenhang noch wichtig scheint mir, dass sich Carmen hingebungsvoll auf eine Tätigkeit, nämlich auf jene, die sie gerade ausübt, konzentrieren kann.

Ein Beitrag auf orf.at “Multitasking – Die Lüge vom schnellen Arbeiten” heute erinnert mich an eine Geschichte, die sich so vor einigen Wochen zutrug. In den Kindergarten kam eine Dame, die die Kleinen auf ihre motorische Fähigkeiten hin testete (Motoriktest). Nur sehr wenige Kinder, nämlich drei, bestanden den Test nicht und sollen nun eine Förderstunde besuchen. Darunter Carmen!

Die “Diagnose” lautete “neurologisch unreif“, was selbstverständlich Carmen-Mama zunächst schockte. Bemerkenswert für mich aber vor allem auch die weitere Begründung: Carmen hätte nämlich einige motorische Defizite, die sie hindern, die für ihr späteres Leben so notwendige Multitaskingfähigkeit entsprechend zu entwickeln!

(Carmen kann nämlich nicht gleichzeitig mit einer Hand am Bauch Kreise ziehen und mit der anderen auf ihren Kopf ohne Kreise zu ziehen klopfen! Das heißt, sie kann es, aber halt nur langsam [geht mir übrigens nicht viel anders]).

Carmen, die nach einem Bruch von Speiche und Elle und einem Gips bis zur Schulter schon am zweiten Tag keinerlei motorische Einschränkungen erkennen ließ, sonderm im Gegenteil, mit akrobatischen Einlagen u.a. im Kaffeehaus den Adrenalinspiegel ihrer Eltern in die Höhe trieb …

  • Carmen mit ihrem Freund Bel Ami beim Fotoshooting, Ende August 2009
  • Carmen, kurz nach dem Aufwachen im Spital mit Gips im Mai 2010


PS: Bald steht Carmen auch noch ein Aufnahmetest für die Schule ins Haus … weil sie das Pech hat, Ende Juni geboren zu sein.

PPS: Die Formulierung des m.E. so treffenden Beitragstitels verdanke ich meinem Kollegen und Freund Christopher Meiller.

Pinocchio

16. November 2010

Für die wirklich sehr nette Facebook-Aktion, nämlich für einige Tage die eigenen Avatare durch Bilder (Comics) aus der Kindheit zu ersetzen, musste ich nicht lange nachdenken.

Es gibt viele Figuren, an die ich mich gerne erinnere, aber keine hat so nachhaltigen Eindruck in mir hinterlassen wie jene von Pinocchio.

Meine Patentante Pina war aus Italien und lebte in Nepael. Mindestens zweimal im Jahr kam sie nach Österreich, um uns zu besuchen. Ich erinnere mich noch gut, dass wir damals von Wiener Neustadt mit dem Zug (wir hatten noch kein Auto) auf den Semmering fuhren, da der Schnellzug aus Italien (noch) nicht in Wiener Neustadt hielt! Dort wartete wir auf den Zug mit den vielen Waggons, ganz besonders aber auf den blauen. Tante Pina reiste immer im Schlafwagen. Wir standen immer oben auf der Straße und blickten nach unten zu den Schienen und zum Tunnel, aus dem der sehnsüchtig erwartete Zug bald auftauchen sollte. Nach stürmischen süditalienischen Begrüßungszeremonien stiegen wir am Semmering dann um in einen Bummelzug und kehrten nach Wiener Neustadt zurück, wo wir Kinder es kaum erwarten konnten, die vielen und bunten Geschenke aus Italien in Empfang zu nehmen.

Tante Pina brachte neben Spielsachen vor allem immer topmodische (heute würden wir wohl “coole” sagen) italienische Kleidungsstücke für uns mit, deren Schönheit ich erst heute zu schätzen weiß. Denn damals, im Kindergarten und in den ersten Schuljahren, war es mir ein wenig peinlich, mit diesen für unsere Breitengrade sehr hippen Käppchen, Schals, Handschuhen usw. herumzulaufen. Obwohl ich sie zu Hause gar nicht ausziehen wollte, weil sie mir doch so gefielen. Und heute tut mir dieses mein Verhalten von damals sehr leid.

Einmal brachte mir Tante Pina auch ein Buch mit: Eine Pinocchioausgabe für die Kleinsten, und zwar auf Italienisch. Da uns Kindern die Tante immer wieder – durchaus nicht ganz erfolglos – versuchte, italienische Worte beizubringen, machte es auch ungeheuren Spaß, Pinocchio auf Italienisch zu “lesen”. Leider etwas, das ich heute nicht mehr problemlos hinkriege.

Es war nicht nur das Buch, das sich tief in mein Gedächtnis gebrannt hat, sondern es war auch eine sehr kleine hölzerne Figur, die mir die Tante mitbrachte:
Pinocchio stand mit seinen dürren hölzernen Beinchen auf einer kleinen Plattform, die man von unten drücken konnte, worauf sich Pinocchio begann in alle Richtungen zu verbiegen und zu bewegen. Die tollsten Verbeugungen und Verrenkungen konnten so mit ein wenig Geschick produziert werden. Und ich drückte stundenlang.

Diese Figur habe ich leider nicht mehr und doch erinnere ich mich bis ins kleinste Detail an ihr Aussehen: Die rote lange Nase, die dunkelgrüne “giacchetta” und die schön lackierten Gliedmaßen.

Pinocchio trifft im Inneren des Haifisches seinen Vater Geppetto
Aus: Carlo Collodi, Pinocchio. Erzählt von Kristina Franke. Mit Bildern von Kestutis Kasparavicius, Münster 2005

Es soll nicht pietätlos sein, wenn ich gestehe, dass ich sogar heute noch nicht umhin kann, jedes Mal kurz an Pinocchio und seinen Vater Geppetto zu denken, wenn ich die biblische Geschichte des Jona lese ;)

Gedicht statt Gans

11. November 2010

Weil mir die armen Gänse so leid tun, gibts heute statt eines fetten Gänsebratens ein Gedicht:

PS: Der Heilige Martin von Tours ist der Schutzpatron des Burgenlandes, und zwar mit Dekret der Ritenkongregation des Heiligen Stuhls vom 10. Dezember 1924. Zu seinen Ehren ist der 11. November heute der burgenländische Landesfeiertag.
In Eisenstadt, der Hauptstadt des Burgenlandes, besucht Carmen, 5 Jahre, begeistert den Kindergarten.
Und nein, Carmen kennt zwar schon alle Buchstaben, kann aber noch nicht lesen ;)

PPS: Mehr über die katholische Volksfrömmigkeit und den Landespatron des Burgenlandes (pdf-Datei, 13 KB)

An dieser Stelle ist es allerdings wichtig anzumerken, dass der Heilige Martin keineswegs im Jahr 316 geboren ist (wie sowohl im obzitierten Artikel, in der populärwissenschaftlichen Literatur als auch im Web, sogar auf martinus.at, etwa immer wieder lesen!), sondern dass Martinus in Savaria (Sabaria-Szombathely-Steinamanger) im Jahr 336 geboren wurde!
Ich verdanke diese Information einer sehr gründlichen wissenschaftlichen Arbeit des ehemaligen Landesarchäologen des Burgenlandes, Dr. Karl Kaus, dem ich für die Zuverfügungstellung seines Artikels herzlich danke!
Kaus weist in seiner Arbeit darauf hin, dass der Grund für

diese erstaunliche Vielfalt an Daten mit 16 verschiedenen Geburtsjahren [...] darauf zurückzuführen [ist], dass für den antiken Martinusbiographen Sulpicius Severus nicht nüchterne Zahlen, sondern die Überlieferung der Worte, Wundertaten und der heiligmäßige Lebenswandel des Martinus im Vordergrund standen …
Sulpicius verwendete in seinem Werk aber keine einzige absolute Jahresangabe, sondern führte bei verschiedenen Ereignissen im Leben des Martin immer nur dessen jeweiliges Lebensalter an …

Folgende Textstelle ist für Kaus der Schlüssel für die absolute Chronologie im Lebenslauf des Martinus:

Interea inruentibus intra Gallias barbaris Iulianus Caesar coacto in unum exercitu apud Vangionum civitatem donativum coepit erogare militibus, et, ut est consuetudinis, singuli citabantur, donec ad Martinum ventum est. Tum vero opportunum tempus existimans, quo peteret missionem …
Inzwischen waren die Barbaren in Gallien eingefallen und Kronprinz Iulian zog vor der Hauptstadt der Vangionen sein Heer zusammen und begann eine Geldspende an seine Soldaten zu verteilen. Dabei wurden sie wie üblich einzeln aufgerufen, schließlich war auch Martin an der Reihe. Er hielt diesen Zeitpunkt für günstig, um seine Entlassung vom Militär zu erbitten …

Der Zeitpunkt des Geschehens ist aus der römischen Geschichtsschreibung genau bekannt:

Am 6. November 355 ernannte Kaiser Flavius Claudius Constantius II. seinen Vetter Flavius Claudius Iulianus, später “Apostata” genannt, zum Caesar (Kronprinz) des Westens, verheiratete ihn mit seiner Schwester Helena und schickte ihn mit einer Leibgarde von 360 Mann Anfang Dezember 355 nach Gallien. Im Jahr 356 zog Iulian bei Borgetomagus, der Hauptstadt der Vangionen , heute Worms am Rhein, sein Heer zusammen um gemeinsam mit Constantius die Alamannen anzugreifen. Vor dem Beginn der Kampfhandlungen im August 356 verteilte Iulian persönlich eine zusätzliche Geldprämie an seine Gardesoldaten um sie noch enger an sich zu binden. Diese Gelegenheit nahm Martinus wahr, um seinen Abschied vom Militär zu erlangen, den er auch erhielt.
Entsprechend der verlässlichen Angaben des Sulpicius Severus war Martinus zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt. Sein Geburtsjahr muss daher das Jahr 336 gewesen sein.

Zitiert aus: Karl Kaus, Das Geburtsjahr des Heiligen Martin von Tours. Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft?

Simone Martini: Martin teilt seinen Mantel, um 1321
Simone Martini: Martin teilt seinen Mantel, um 1321, Fresko in der Unterkirche der Basilika di San Francesco, Assisi, ©

PPPS: Zu Martini wurde das Vieh geschlachtet, das aus Kostengründen nicht den ganzen Winter hindurch gefüttert werden konnte: dazu gehörten die Gänse; so ergab sich der Brauch, am Martinstag, vor dem großen Fasten im Advent, Gänsebraten zu essen (Zitat aus heiligenlexikon.de). In Österreich werden jährlich um diese Zeit 350.000 Gänse geschlachtet (und das Burgenland sicher ganz vorne mit dabei) :-(
Nur am Rande sei erwähnt: Am 11. November um 11 Uhr wird auch der Fasching ausgegraben und ab heute darf auch “Prost” gesagt werden, da im ganzen Land der Jungwein geweiht wird.

PPPPS: Ich bezweifle jedenfalls, dass (der heilige) Martin die schnatternden Gänse, die ihn verraten haben und derentwegen er dann doch das Bischofsamt in Tours annehmen musste, hingeschlachtet hat … Und übrigens, natürlich ohne jeden aktuellen und regionalen Bezug ;): Martin wurde vom Volk zum Bischof gewählt!

High tech

19. Oktober 2010

Höchste Zeit für mich, auch endlich technisch entsprechend aufzurüsten!
Sogar ich, grundsätzlich eher puristisch und nicht zwanghaft jedem neuen Trend nachhechelnd, konnte (und wollte) mich der modernen Technik nun doch nicht mehr verschließen:

Angesagt waren optimale Schnelligkeit, ästhetische Ergebnisse und vor allem verletzungsfreies Handling, kurzum: mehr Lebensqualität!

Das Geheimnis sei also gelüftet …
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